|
Schwerer Schlag für den Arbeitsmarkt
Im vergangenen Jahr kaufte die JTI (Japan
Tobacco International) von der amerikanischen
Gesellschaft Reynolds die Zigarettenfabrik in
El Paso.
Schon kurz nach dieser Übernahme kamen Gerüchte
auf, denen zufolge die Japaner die Zigarettenfabrikation
in El Paso aufgeben wollten. So richtig ernst
nahm das niemand, ist doch diese Fabrik der größte
der nichtadministrativen Arbeitgeber auf der Insel.
Zudem schien der Standort Kanarische Inseln zukunftversprechend
für den wachsenden afrikanischen Markt.
Aber neulich kündigte die JTI die endgültige
Schließung an und zwar für den 31.
Dezember. Groß war die Betroffenheit in
El Paso und generell auf der Insel. Schließlich
sind in der Fabrik derzeit über 250 Arbeiter
beschäftigt.
Als Grund für diese drastische Maßnahme
führte die Firmenleitung zunächst eine
zu niedrige Rentabilität an. Das Argument
konnte aber selbst von Nicht-Insidern leicht widerlegt
werden.
Die Arbeitskräfte auf La Palma sind verhältnismäßig
billig, so daß die Fabrik, um Problemen
mit den Gewerkschaften vorzubeugen, seit langem
über dem Inseldurchschnitt liegende Löhne
gewährte.
Das zahlte sich auch aus, denn wenn Tarifverhandlungen
anstanden, gingen die in ganz kurzer Zeit über
die Bühne und die Tarifpartner trennten sich
jedes Mal in herzlichstem Einvernehmen. Wer in
der Zigarettenfabrik - hierzuinsel kurz "fábrica"
oder "tabacalera" genannt angestellt
war, zählte sich glücklich.
Die Japaner begründeten danach die Schließung
der palmerischen Fabrik mit ihrer Firmenphilosophie,
ihre Produktionsstätten in einem einzigen
Land zu konzentrieren.
Dies wäre in diesem Fall in Deutschland und
zwar in Trier, wo die Japaner eine andere Fabrik
von Reynolds gekauft hatten. In El Paso würden
gerade mal 24 Prozent der von der JTI in der Europäischen
Union hergestellten Zigaretten gedreht, und diese
Menge könne ohne viel Mehrkosten in Trier
mitproduziert werden.
Oder die Fabrik in Trier müßte nach
La Palma verlegt werden, aber das stehe nicht
zur Debatte, zumal die Produktionsstätte
in Deutschland die fünffache Kapazität
der von La Palma habe.
In El Paso ließ Pedro Capote seit Ende
des vergangenen Jahrhunderts industriell Zigarren
drehen. Später kamen Zigaretten dazu. Das
geschah zunächst in dem Gebäudekomplex,
in dem heute die Lotterieannahme und der Antiquitätenladen
untergebracht sind.
In den 20er Jahren baute man eine richtige Fabrik;
das ist das große, derzeit leerstehende
Haus neben der neuen Kirche. 1928 wurde die erste
halbautomatische Zigaretten-Drehmaschine angeschafft.
Ab den 40er Jahren wurde ein Teil der Produktion
in Räumlichkeiten verlagert, die zu einem
Holzsägewerk gehörten, gegenüber
der jetzigen Tankstelle der CEPSA. Im Lauf der
Zeit, bis in die 60er Jahre, wurden weitere Teile
angebaut und das Sägewerk verschwand.
Die Produktion neben der Kirche wurde später
aufgegeben. Außerdem wurde der alte Friedhof
umgebettet, der sich noch nördlich der Gebäude
befand, aber schon nicht mehr "in Betrieb"
war. An seine Stelle kam der Firmenparkplatz.
1972 kaufte der Multi Reynolds die Fabrik. Der
errichtete Ende der 80er Jahre einen neuen Gebäudekomplex
oberhalb des TÜV und verkaufte den alten
an die Supermarktkette San Martín.
Natürlich reagierten die lokalen und insulären
Politiker entsprechend auf die unschöne Nachricht
von der Schließung der Fabrik. Die Inselverwaltung
bedauerte, daß es in El Paso keine ZEC gebe.
Das ist eine spezielle Kanarische Wirtschaftszone,
die von den Kanaren mühsam der Europäischen
Union abgerungen worden ist. Sie erlaubt, unter
bestimmten Umständen und für eine derzeit
begrenzte Zeit denjenigen Unternehmen Steuererleichterungen
zu gewähren, die sich innerhalb ihrer Produktionen
besonders um Arbeitsplatzbeschaffung bemühen.
Die Schließung der Fabrik betreffe auch
die Finanzen der Inselverwaltung, so deren Präsident,
José Luis Perestelo, indem weniger Einfuhr-,
ausfuhr- und sonstige Gebühren anfielen.
Kummer war auch der vorherrschende Tenor in einer
eiligst anberaumten außerordentlichen Gemeinderatsitzung
in El Paso. Um die 20 Millionen Peseten an Steuern
für den Stadtsäckel fallen in Zukunft
weg.
Für den Fall, daß sich die Schließung
gar nicht verhindern ließe, wurde auch schon
mal gedanklich durchgespielt, was denn die demnächst
250 Arbeitslosen sonst noch machen könnten,
außer Zigaretten drehen.
Für eine Stadt wie El Paso mit etwas mehr
als 7000 Einwohnern sind 250 Arbeitsplätze
weniger ein schwer verdaulicher Brocken.
Für alles dies hatten die politischen Oppositionellen,
auf La Palma weitgehend von den Sozialisten gestellt,
nur Hohn übrig.
Jetzt erst, wo es vermutlich zu spät sei,
würden die verantwortlichen Politiker aktiv
und kämen mit Vorschlägen, die sie viel
früher hätten machen müssen. Zusammen
mit den niedrigen Bananenpreisen nähere sich
der Wohlstand der Insel einem fatalen Tiefstand,
und man habe seitens der Opposition schon oft
gewarnt: nach fetten Jahren kämen nun auch
mal magere Jahre.
Und jemand meinte in dem Zusammenhang, die Aufgabe
des Fährbetriebs der "Trasmediterranea"
von La Palma nach La Gomera bedeute so viel wie:
Die Ratten verlassen das sinkende Schiff.
Aus: Correo del Valle
vom 06.10.2000 |