|
Ökologieprobleme auf der Isla Bonita
Nach wie vor werden 80% des Inseleinkommens durch die Landwirtschaft (sprich Bananen) errungen und der Tourismus spielt nur eine untergeordnete Rolle. Die vielen Plastikgewächshäuser v.a. in der Gemeinde Tazacorte geben Zeugnis davon. daß diese Plastikflut ein Übel darstellt, dessen Ausmaße erst in Jahren zum Tragen kommen wird, wenn die Plastik von Wind und Sonne zermürbt, sich in Fetzen über die halbe Insel verteilt, muß nicht diskutiert werden.
Genauso wenig wie die Tatsache, daß Monokultur grundsätzlich problematisch ist.
Bedenkliche Entwicklung in der Landwirtschaft
Jahre ist es her, da wollten einige mitteleuropäische Urlauber wissen, wie es denn mit der Rückstandsfreiheit der hier angebotenen Hühnereier bestellt sei.
Zu diesem Zweck nahmen sie Eier von hier mit in ihr Heimatland und ließen sie dort chemisch analysieren.
Das Ergebnis schien verblüffend. In den Eiern fanden sich nicht nur Rückstände von diesen und jenen hier benutzten Giften aus dem Pflanzenschutzsektor, sondern auch eine toxische Substanz, die auf La Palma nicht verwendet wird, nämlich eine Art Entlaubungsmittel ähnlich dem, mit welchem seinerzeit im Vietnamkrieg die Wälder entlaubt wurden.
Zur Verblüffung besteht indes kein Anlaß: In die palmerischen Hühnereier gerät das Gift über die hier verkauften kombinierten Hühnerkraftfutter.
In ihm sind - als hochwertige Eiweißträger - geschrotete Baumwollsamen aus Übersee enthalten. Die wiederum sind mit dem Entlaubungsmittel belastet, mit dem vor dem Einsatz von Erntemaschinen das hinderliche Laub der Sträucher chemisch beseitigt wird.
Derart belastete Eier gibt es schon lange auf der Insel. Seit Jahren dürfen in Märkten, Läden und Supermärkten nur noch Eier angeboten werden, die aus Hühnerfarmen stammen; in denen wird auf kombiniertes Kraftfutter nicht verzichtet, und dessen Komponenten stammen aus aller Welt.
Eier vom Hof, ohne gekauftes kombiniertes Kraftfutter produziert und womöglich von freilaufenden Hühnern, dürfen strenggenommen nur unter dem Ladentisch angeboten werden.
Die Zeiten, als man auf La Palma die Hühner mehr oder weniger frei herumlaufen ließ, damit sie Grünzeug fressen konnten, und ihnen Körner und Küchenabfälle zufütterte, sind weitgehend vorbei.
Und wenn die Auftraggeber der Eieranalyse den berühmtberüchtigten palmerischen Ziegenkäse einer chemischen Untersuchung unterworfen hätten, wären sie auf ähnliche Rückstandsergebnisse gekommen wie bei den Eiern.
Erhöhter Produktionsdruck im Landbau
Beim Pflanzenanbau ist es nicht anders. Die palmerischen Bauern bekämpfen längst nicht mehr mit Seife, Petroleum, Wolfsmilchsaft und dergleichen pflanzenschädliches Ungeziefer. Der Produktionsdruck in der Landwirtschaft - also der Zwang zu mehr Quantität - ist auch auf der Insel eingezogen.
Um ihm genüge zutun, müssen scheinbar wirksamere Pflanzenschutz-maßnahmen als die althergebrachten ergriffen werden, und die bietet die chemische Industrie.
Wenn früher gegen den Echten und Falschen Mehltau beim Wein mit Schwefel und Kupfervitriol vorgegangen wurde, wird nun vermehrt mit systematisch wirkenden Fungiziden gespritzt, ohne daß man allerdings das relativ unbedenkliche Schwefelpudern ganz aufgegeben hätte. Das schweißtreibende Aushacken des Unkrauts zur Verringerung der Taunässe wird zunehmend abgelöst durch Spritzen mit dem Herbizid Paraquat.
Die ursprünglichen Bekämpfungsmaßnahmen im Bananenanbau - Wasser, dem Petroleum und Seife beigemischt war - gegen die allgegenwärtigen schädlichen Läuse sind abgelöst worden von hochwirksamen Insektiziden wie Chlorierten Kohlenwasserstoffen und Organischen Phosphorverbindungen.
Das richtet sich gegen die Ameisen, welche die Läuse auf die Pflanzen tragen. Das "Übel von Panama" eine Pilzplage im Boden der Bananenplantagen, wird mit synthetischen Fungiziden bekämpft.Gegen die besonders Monokulturen schädigenden Nematoden - kleine, an den Wurzeln saugende Würmer - wird mit Chlorphosphorverbindungen zu Leibe gerückt.
Darunter sind radikale Gifte, die als Nebenwirkung einen völlig leblosen Boden hinterlassen und bei der Gelegenheit die allgegenwärtigen - wiewohl unter Artenschutz stehenden - Eidechsen ebenfalls töten.
In den Kartoffelkulturen ist es üblich, gegen die an den Pflanzen und Knollen nagenden Erdraupen ähnliche Insektizide wie in den Bananenkulturen einzusetzen. Weil zudem hier auf der Insel ein Großteil der Kartoffeln über den Sommer hinweg ohne Kühlung aufbewahrt werden muß, verhindert man das vorzeitige Keimen mit der Applikation von Keimhemmern.
Von der Inselregierung gebaute Kühlhäuser werden bislang nur zögerlich von den palmerischen Kartoffelbauern in Anspruch genommen.
Im Anbau von Obst und Gemüse für die Inselversorgung hat es in den vergangenen Jahren umfassende Strukturänderungen gegeben. Früher wurde, vereinfacht ausgedrückt, Obst und Gemüse für den Hausbedarf im Garten kultiviert, und was davon übrig blieb, wurde an umliegende Tante-Emma-Läden und an die Märkte verkauft.
Die so hergestellten Produkte waren relativ unbelastet, denn für die vielfach kleinen Anbauflächen lohnten sich oft keine aufwendigen chemischen Pflanzenschutzmaßnahmen; außerdem wurden noch Fruchtfolge und Mischkulturen praktiziert, wodurch weniger Schädlingsbefall auftrat, der hätte bekämpft werden müssen.
Das Angebot war allerdings etwas dürftig. Es war nicht selbstverständlich, zu jeder Jahreszeit frischen Salat kaufen zu können.
Manche entsinnen sich: als Stammkunde flüsterte man dem Verkäufer auf dem Markt seinen Wunsch ins Ohr; unsichtbar für andere Kunden wurde dann unter der Theke die knappe Ware eingepackt und herübergereicht.
Rückläufige Selbstversorgung
Die Selbstversorgung mit Verkauf des Überschusses ist inzwischen zur Ausnahme geworden. Obst und Gemüse werden zunehmend auf größeren als früher üblichen Anbauflächen kultiviert, wobei das kommerzielle Interesse im Vordergrund steht. Das wiederum bedingt den Einsatz von "chemischen Keulen", um den Ertrag zu sichern.
Ein Teil der chemischen Substanzen gerät durch Regen und Bewässerung in den Untergrund. Weil es auf der Insel einen definierbaren Grundwasserspiegel nicht gibt, gelangen sie letztendlich ins Meer, wo sie einem starken Verdünnungsprozeß ausgesetzt werden und danach nicht mehr nachweisbar sind.
Das Trinkwasser wiederum kommt über den Regen aus den Bergen und ist von dieser Problematik nicht betroffen.
Allerdings, was hier an Chemie gespritzt und ausgebracht wird, ist geradezu läppisch im Vergleich mit anderen Ländern: Intensiv kultivierte Bananenplantagen in Mittel- und Südamerika werden alle 10 Tage von Flugzeugen aus mit Insektiziden und Fungiziden behandelt.
Und wer in Deutschland sich die Mühe machen wollte, alle chemischen angewendeten Pflanzenschutzmaßnahmen ausfindig zu machen, würde schnell die Übersicht verlieren. Dutzende von neuen synthetischen Mitteln kommen jährlich auf den Markt.
Die Institute, die die Unbedenklichkeit der neuen Substanzen prüfen müssen, sind von der Ausrüstung her und personell total überfordert.
Nun sind die palmerischen Bauern noch nicht so lange mit den neuen, chemischen Pflanzenschutzmaßnahmen befaßt. Froh, den arbeitsaufwendigen Methoden aus Großelterns Zeiten entronnen zu sein, greifen sie jedes neue Mittel auf, das auf dem Markt angeboten wird. Bei sachgerechter Anwendung, so die Anleitungen, wird die Unbedenklichkeit garantiert, und das in Frage zu stellen, ist kein palmerischer Bauer in der Lage.
Hier tut Aufklärung not, und das wird auch von der Europäischen Union gefordert. Schon vor Jahren wurden in Brüssel entsprechende Direktiven verabschiedet. Sie schreiben für die Mitgliedsländer bindend vor, daß all denjenigen Bürgern, die mit Pflanzenschutzmitteln hantieren, Mindestkenntnisse in der Materie nachweisen müssen.
Das gilt auch für Hausgärtner. Hier wird in Zukunft ein "Carné fitosanitario" vorzeigen müssen, wer im Geschäft ein Gift gegen Ameisen kaufen will, auch wenn diese gar nicht an irgendwelchen Pflanzen vorkommen, sondern nur durch das Haus krabbeln.
Biologische Anbaumethoden auf dem Vormarsch
Weil die Böden der Kanarischen Inseln erst relativ kurze Zeit mit Chemie belastet sind, haben deshalb (auch aus anderen Gründen) schon vor mehr als 15 Jahren meist ausländische Landwirte biologische, alternative, ökologische - oder wie immer man will - Betriebe auf der Insel aufgebaut.
Die spanische Regierung schützt mit einem Gesetz die biologischen Anbauer. Nur wer als solcher regierungsamtlich registriert ist, darf mit Ausdrücken wie "biologisch angebaut", "alternativ hergestellt" und dergleichen für seine Erzeugnisse werben. In manchen Aspekten ist das Gesetz allerdings sehr restriktiv und dämpft den Individualismus, der alternativen Anbauern eigen zu sein pflegt.
Um die fiskalisch schwer zu kontrollierenden Bauern besser in der Hinsicht überprüfen zu können, schränkt das Gesetz beispielsweise die Anbauflexibilität ein, und die ist im alternativen Pflanzenbau ein nicht wegzudenkender Faktor.Zudem "funktioniert" das Gesetz nicht. Erst nach dessen Inkrafttreten merkten die Verantwortlichen in Madrid, daß es kaum anwendbar ist, da es nicht genügend Fachleute für die Kontrolle gibt.
Ein gestandener palmerischer Bauer tut sich also schwer, auf alternativ-biologischen Pflanzenbau umzusteigen. Außerdem geht die Meinung um, biologische Landwirtschaft müsse gleich mühsam sein wie in den Zeiten der Vorväter, als es die "chemische Keule" noch nicht gab.
Trotz dieser Widrigkeiten gibt es eine Reihe von alternativ-biologischen landwirtschaftlichen Betrieben auf La Palma und auf den anderen Inseln des Archipels; gemessen an der insgesamt genutzten landwirtschaftlichen Fläche stehen dabei die Kanarischen Inseln ziemlich vorn: Ungefähr 500 Hektar werden derzeit auf den Kanarischen Inseln biologisch bewirtschaftet.
Es gibt mehrere Bio-Verkaufsstellen auf der Insel (Santa Cruz de La Palma, El Paso, Puntagorda und Los Llanos), bei denen bislang im wesentlichen Nicht-Palmeros, meist also Ausländer, die biologischen Produkte kaufen.
Anstöße von außen
Die Kanarische Regierung unternimmt Anstrengungen, die biologisch-alternative Landwirtschaft zu fördern. Gerade Südfrüchte aus biologischem Anbau sind trotz recht hoher Preise in Mittel- und Nordeuropa ziemlich gefragt.
Der unseligen Alleinabhängigkeit der kanarischen Wirtschaft von Tourismus und Bananenexport könnte über eine vermehrte Ausfuhr von biologischen Produkten begegnet werden.
Aber bei der Regionalregierung in Teneriffa gibt es wenig Experten zu dem Thema, und das gilt für ganz Spanien; Personal-Anleihen bei der landwirtschaftlichen Fakultät der Universität in La Laguna/Teneriffa müssen gemacht werden, wenn die Kanarische Regierung sachbezogene Symposien oder Vorträge veranstaltet.
Das Verbraucherbewußtsein ist hierzulande nur rudimentär entwickelt, und von sich aus werden kurzfristig in der Hinsicht kaum Änderungen zu erwarten sein. Dazu braucht es Anstöße von außen.
Die kommen bislang am deutlichsten von den privaten biologischen Anbaubetrieben und der landwirtschaftlichen Fakultät der Universität La Laguna. Sie betreibt alternative Experimentier- und Lehrbetriebe mit durchaus sehenswertem Erfolg und beachtlichem Zulauf.
Anerkennenswert ist, was den Forschern der Universität unlängst gelungen ist: Sie haben ein Nematozid auf pflanzlicher Basis entwickeln können. Die neue Substanz ist europaweit patentiert und wird derzeit noch getestet, um aus ihr ein marktfähiges und anwendungsgerechtes Pflanzenschutzmittel entwickeln zu können.
Die Giftigkeit des neuen Nematozids sei tausendmal geringer als die der derzeit gängigen Mittel auf chemischer Basis, wurde bekanntgegeben; die für die Herstellung benötigten Pflanzen müssen in eigenen Kulturen angebaut werden.
Weiterhin bemühen sich die Wissenschaftler der Universität, den sogenannten "Biologischen Pflanzenschutz" voranzutreiben: Der beinhaltet, daß natürliche Feinde von Pflanzenschädlingen gefunden, gezüchtet und als alternative Bekämpfungsmittel an interessierte Bauern abgegeben werden.
Die Propagierung und nachfolgende Verteilung solcher biologischer Mittel übersteigt jedoch die Möglichkeiten der Universität. Das sollten die Außenstellen des Landwirtschaftsministeriums und kommerzielle Anbieter übernehmen.
Fazit:
Das Giften in der Landwirtschaft ist ein globales Problem. Die verhältnismäßig kleinen Anbauflächen in La Palma verhindern zumindest flächendeckende Verseuchung. Vorhandene alternative Ansätze müssen gefördert werden und - die Dollarbanane ist noch giftiger...
Aus: La Palma Info Nr. 12 Sommer/Herbst 1998 |