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Menschen, Tiere, Sensationen

Die Inselfauna der Zweibeiner: über Aussterbende Arten, Zugvögel, Nesthocker und deren Erkennungsmerkmale von Dr. Ingrid Jütting, Resi

Machen Sie gerade Urlaub auf La Palma ? Leben Sie hier ? Lebten Sie etwa schon immer hier ?
Zu einer der gerade genannten Gattungen gehören Sie mit Sicherheit. Es gibt nämlich nur diese drei: Touris, Resis, Palmis. (Zu den Resis gehören alle hier länger lebenden Exemplare.)
         Palmis werden im Volksmund auch Palmeros genannt. Wenn allerdings die Entwicklung der letzten Jahre so weitergeht, steht diese Gattung bald auf der roten Artenschutzliste.

Wie erkennen Sie nun, wer zu welcher Gattung gehört? Schließlich gibt es doch überall auf der Welt so ‘ne und solche. Also auch auf der "Isla Bonita".
         Stimmt, und um Ihnen langes Rätselraten zu ersparen, helfen wir Ihnen hier und heute mit ein paar Erkennungsmerkmalen der örtlichen Zweibein-Fauna weiter.

Gottseidank! Touris zum Beispiel erkennen Sie an kurzen Hosen bei kaltem Wetter, an Rucksäcken und Reiseführern, oft in Kombination mit ausländischen Tageszeitungen.
         Oder aber an gebückter Haltung, wenn sie mit enormen Mengen von Plastiktüten aus den großen Supermärkten wanken, vorwiegend in Richtung zum Auto des Typs Marbella oder Citroën.

Aber aufgepaßt: hier droht Verwechslungsgefahr. Auch Palmis werden, allerdings vorzugsweise an Freitagen, mit Unmengen von Plastiktüten gesichtet.
         Dies verteilt sich auf familiäres Begleitpersonal, und als Ziel werden sie Santanas als Beförderungsmittel anpeilen.

Artenspezifisch nun für Touris ist weiterhin eine rötlich-braune, oft ins gleißend-rot gehende Kopffarbe, sowohl bei den Männchen als auch bei Weibchen. Verlangsamte Fortbewegung, schweifende Blicke, ungeniertes Zeigefingerdeuten und längere Schlangen vor deutschen Bioläden, Schlachtern oder Bäckern deuten ebenfalls auf die Gattung Touris.
         Aber nun wird's wieder kompliziert: schon wieder Verwechslungsgefahr. Auch Resis frequentieren die genannten "tiendas". Aber Resis haben es grundsätzlich eiliger. Fast immer sind sie im Streß, oft auf der Suche nach ausländischer Wertarbeit oder Spezialnägeln und -schrauben, die in örtlichen "ferreterías" nur mit Suchdetektoren aufzuspüren sind.
         Resis sind schließlich nicht zum Vergnügen hier, deshalb das hastigere Fortbewegungstempo.

Sie ahnen es schon: Natürlich gibt es auch hier wieder so ‘ne und solche. So ‘ne, die explizit nach La Palma ausgewandert sind (wegen Klima, Landschaft, Vulkanenergien oder einfach aus Sehnsucht nach Inseldasein).
         Diese Art nennen wir auch Nesthocker, eben weil sie längere Zeit bleiben. Nestflüchter sind Überwinterer oder ewig Suchende (nach Erleuchtung und Eins-Sein zum Beispiel), die irgendwann mit Wind und Wellen weiterziehen.

Bei den Nesthockern sind mindestens zwei Unterarten zu bewundern: diejenigen, die ihr frühes oder spätes Glück als Rentner oder Pensionäre genießen und diejenigen, die ihre Peseten verdienen, vorrangig mit Artesanía, Restaurants, Ferienwohnungen und Immobilien.

Unter den endemischen Arten der Nesthocker verdient die Spezies Künstler noch besondere Erwähnung. Maler, Töpfer, Musiker, vielfach kombiniert mit Lebenskünstlerdasein.
         Diese hypersensible Spezies ist stark bedroht in ihrer Art durch energiezehrende ‘Wer-mit-wem‘-Auseinandersetzungen, häufiger jedoch verstrickt in ‘Wer-mit-wem-auf-keinen-Fall‘-Konkurrenzen.

Zu den Resis im weiteren Sinne gehören dann noch (und hier schließt sich der Kreis zu den Touris, da enger Kontakt besteht) die Wandervögel, auch Wanderführer genannt.
         Alle arg gebeutelt durch Ressourcenschwund ihrer Nahrungsgrundlage. Keine Touris, keine Knete. Vulkanroute rauf, Los Tilos durch, Charco Azul runter. Ständiges Rauf und Runter spiegelt sich auch beim Paarverhalten der Zweibeiner auf der Insel grundsätzlich wider.
         Da brechen Beziehungen auseinander, finden sich exotische Verbindungen neu. Da erlebt man seltsame Streitigkeiten um Grenzen der "terrenos" und Fluchtdistanzen... da macht man sich den täglichen Alltag interessant, weil schwer. Resis sind multikulti, aber deutschlastig.
         Daneben hört der aufmerksame Tierfreund schwyzerdütsch (odrr?), neederlandsk (heel lecker...) sowie skandinavische und zuweilen russische Laute.

Tja, und wenn Sie darüberhinaus noch andere Lebewesen männlichen Geschlechts und mittleren bis höheren Alters auf Bänken innerhalb geschlossener Ortschaften am hellichten Tag zu normalen Geschäftszeiten verweilen sehen, die teils amüsiert, teils nachdenklich, aber immer mit viel Freundlichkeit und Wohlwollen das verrückte Treiben betrachten, dann sind sie auf Endemiten gestoßen.
         Es gibt sie noch, die Palmeros, auch wenn die Bestandsdichte arg dezimiert ist. Demgegenüber ist die Individuendichte, zum Beispiel bei "fiestas", enorm hoch. Aber wir kommen noch dazu.

Freundliche Zurückhaltung, aber auch Fuchsesschläue zeichnet die Ureinwohner aus, und ein großes Maß an Toleranz Gästen gegenüber, die sich nicht immer wie solche verhalten. Hervorstechendes Merkmal der Endemiten ist das Handy, allerdings vorwiegend bei den jüngeren Exemplaren gesichtet.
         Parken mit laufenden Motoren in zweiter und dritter Reihe sowie völlig undezente Begrüßungsrituale und hartnäckiges Vermeiden jeder Art von Pünktlichkeit machen diese Spezies so interessant.

Da können die Zugereisten noch was lernen. Zum Beispiel das obligatorische Mindestbegrüßungsritual, das aus drei Schritten besteht: Schritt eins (bei den männlichen Exemplaren verbunden mit heftigem Schulter-, gelegentlich auch Rückenklopfen): »Hola, qué tal?« Schritt zwei: »Muy bien, gracias.«
         Und schließlich: »Me alegro«, in deutlich zufriedenem Tonfall, leicht singend.

Nun denn, als Gästin hier mit Herkunftsland Ostfriesland erinnert dennoch vieles an die Heimat. Nur heißen die Schützenfeste hier eben "fiestas", können es an Weinkonsum und Balzverhalten aber durchaus auch mit Feuerwehrfesten in Ditzum, Rysum oder Ochtersum aufnehmen.
         Weshalb auf "fiesta" denn auch logischerweise "siesta" folgt. Auch nicht anders als Zuhause. So bleibt denn nur, sich keine Illusionen über wahre Integration zu machen, die eigene Bescheidenheit zu kultivieren, Toleranz zu üben und ansonsten Menschen, Tiere, Sensationen zu genießen.

Aus: La Palma Info Nr. 16 Sommer/Herbst 2000

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