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MENSCHEN
Der Mandarin von La Palma
Otto Mayer hat ein besonderes Urlaubs-Hobby: Der Schwabe pflegt Zitrusbäume auf der Insel.
Der Tag beginnt für Otto Mayer immer sehr früh. Weit vor Sonnenaufgang. Ein diesiger Schleier liegt über dem Hafenstädtchen Tazacorte auf La Palma. Die schmalen Gassen sind lediglich vom Licht mattgelber Laternen erleuchtet. In der Ferne kräht ein Hahn seinen Morgengruß.
         Es ist noch kühl hier am Meer. Mayer steht auf dem Balkon eines spärlich eingerichteten Apartments, dritter Stock. Sein Blick schweift über den Ozean. Am Horizont erste Sonnenstrahlen. Hastig stürzt er seinen Kaffee hinunter. Vorfreude umspielt seine schmalen Lippen: „Ein guter Tag zum Schneiden.“

Otto Mayer reist Jahr für Jahr für einige Monate vom heimischen Deutschland auf die Kanareninsel.
Von Ruhestand ist bei dem 72-Jährigen jedoch nicht die Rede.
         Dort, wo andere Urlaub machen, steht er jeden Morgen noch vor der Dämmerung auf, um die Orangen-, Mandarinen- und Avocadobäume einheimischer Landbesitzer zu pflegen. Ein Hobby der besonderen Art.

Seit fast zwanzig Jahren kommt der Schwabe nun schon auf die Insel, spricht Spanisch fast besser als Hochdeutsch. Nach anfänglicher Skepsis geben ihm die eigenbrötlerischen Palmeros heute „das Gefühl, einer von ihnen zu sein“.
         Er ist Gast bei Hochzeiten der Töchter und Beerdigungen der Alten und, wenn es die Zeit erlaubt, hilft er beim Hausbau.

Er hat sich dieses Ansehen hart erarbeitet. „Man muss viel Herzlichkeit säen, um Freundschaft zu ernten. Die Palmeros sind von Haus aus ein eher misstrauisches Volk“, erklärt er.
Er verbringt zwei der vier Monate auf La Palma in den Obstgärten seiner Freunde, pflegt und beschneidet ihre Bäume.

Mit den ersten Sonnenstrahlen hat er den Mandarinenhain erreicht. Die Schere blitzt im Licht des noch jungen Tages, fliegt durch das saftige Grün. Zweige und Äste fallen zu Boden. Otto Mayer schneidet gezielt und in einem Tempo, das für Laienaugen einfach zu schnell ist.
         Er trägt eine schwarze Baskenmütze und eine Schürze aus dunkelblauem Jeansstoff, in seinem Mundwinkel klemmt der Rest einer Zigarre.

„Was hier in einem Jahr wächst“, er deutet auf die gefallenen Äste, die den Boden zu seinen Füßen bedecken, „das ist Wahnsinn.“
Die pure Wildnis, ein wahrer Mandarinen-Dschungel.
         Doch der schwäbische Baumdoktor braucht nicht lange, um im Zitrusdickicht aufzuräumen. Keuchend legt er sich weit in den Baum, dünnt ihn immer mehr aus, bis am Ende nur noch drei oder vier große Äste übrig sind.
         Wie ein Bildhauer prüft er sein Kunstwerk. Immer wieder, und stellt nach einigen Minuten zufrieden fest: „Diese Bäume sind wie gemalt.“

Während er schneidet, wirkt der kleine drahtige Mann wie verwandelt. Kann er sonst kaum aufhören zu erzählen, wild gestikulierend und ausschweifend, scheint er hier bei seinen Bäumen in sich ruhen zu können.

Mayer wischt sich den Schweiß von den Augenbrauen, entzündet den Stumpen, der ihm immer wieder ausgeht, wenn er, zu vertieft in seine Arbeit, vergisst, daran zu ziehen. Kleine Schnitte und Schorf an Unterarmen und Händen zeugen von der Arbeit der vergangenen Tage.
         Zitronenbäume haben Stacheln hart wie Eisennadeln und so lang wie Eckzähne einer Raubkatze.

Die Arbeit ist Kräfte zehrend für den alten Mann und verlustreich für die Bäume.
Doch nach drei Jahren immer wieder harter Schnitte tragen die verbliebenen Äste Früchte, die ein Mitteleuropäer, der Mandarinen nur aus Sperrholzkisten im Supermarkt kennt, schnell für ein übertriebenes Plastikimitat halten könnte: Auf der Handfläche des Hobby- Pomologen liegt eine Mandarine groß wie die Faust eines Alb-Bauern.
         „Sonnenfrüchte“, erklärt Mayer mit Triumph in der Stimme. Er lichtet das Geäst des Baumes von innen, damit später, während des Reifeprozesses jede Frucht „von der Sonne geküsst werden kann“.

Schon auf der ersten Reise nach La Palma war sich der notorisch Rastlose sicher, unter der afrikanischen Sonne ein Zuhause fernab der Heimat gefunden zu haben.
         Für den Natursüchtigen ist die Vegetationswunderwelt von La Palma ein einziger großer Abenteuerspielplatz. Mayer wurde, so sagt er, „abhängig von Klima, Sonne und den Pflanzen“.
         Denn: „Natur ist für mich das halbe Leben.“ Schweigend betrachtet er die üppigen Terrassen und fügt flüsternd hinzu: „Vielleicht sogar mehr als das.“

In seinem Job als Verkaufsingenieur stand Mayer mehr als 30 Jahre unter Strom.
War heute auf Kuba und am nächsten Tag in Mexiko-Stadt. Für sein größtes Hobby blieb da kein Platz, kam die Liebe für die Bäume gezwungener Maßen zu kurz, musste er sich die Zeit mit den Pflanzen zwischen Verkaufsgesprächen, Konferenzen und endlosen Verhandlungen mühsam zusammen klauben.
         Auf La Palma, wo die Uhren augenfällig anders gehen, hat er nun mehr als genug davon.

Es ist Sonntag und Markt in der Stadt. Wieder ist Mayer früh aufgestanden. Er muss Salat und grüne Paprika besorgen. In seinem weißen Opel Corsa klingt von einer Kassette lateinamerikanische Musik. Eine Frau singt mit viel Emotion. Mayer auch. An jeder engen Kurve flucht er allerdings lauthals auf Spanisch.
         Das Fenster auf der Fahrerseite ist geöffnet. Immer wieder winkt er entgegen kommenden Autos zu. Alte Freunde. Wenn sie ihn erkennen, antworten sie mit einem Hupkonzert. Mayer lacht, dann flucht und singt er weiter.

Auf dem Markt von Los Llanos verkaufen Bauern im Schatten großer Eukalyptusbäume alles, was die Insel zu bieten hat. Direkt von den Ladeflächen ihrer Kleinlaster. Bastkörbe und Holzkisten voll mit Ananas und Süßkartoffeln, medizinball-großen Kürbissen, Avocados und Zitrusfrüchten. Hier wird deutlich, welchen Purzelbaum die Vegetation auf La Palma geschlagen hat.
         Als sei irgendwann während der Schöpfung versehentlich ein gigantischer Sack mit Saatgut über der Insel ausgekippt worden.

Mayer zieht eine neue Zigarre aus der Jacke, beißt das eine Ende ab und beginnt ohne Umschweife mit den Bauern zu verhandeln.
Einige kennt er. Sie begrüßen sich mit lautem Hallo und festem Händedruck.
         Einer der älteren mit Schiebermütze und einem grandiosen Bauch erhebt sich von seinem Platz unter einer archaisch wirkenden Federwaage und bedeutet dem Deutschen mitzukommen.

Er holt eine Plastiktüte mit frisch geschnittenen Tabakblättern aus der Fahrerkabine seines Kleintransporters. Kurz darf Mayer den Duft des Tabaks inhalieren. Schließlich reißt der Bauer dem Deutschen die Zigarre aus dem Mund, wirft sie in den Dreck.
         Als Entschädigung erhält Mayer zwei frisch gedrehte La Palma-Zigarren. Als er wieder im Auto sitzt, muss er lachen. „Das ist jedes Mal so, wenn ich hierher komme.“

Vor acht Jahren noch hat er Hunderte Bäume gepflegt. Heute, wo die Kraft langsam nachlässt, konzentriert er sich auf die Mandarinen im Garten seines Freundes Pedro Juan. Immer wieder tauchten allerdings ein paar Palmeros vor der Tür auf und wollten wissen, „welcher Magier solche Früchte geschaffen hat“, erzählt Mayer. Dann möchten sie, dass er auch ihre Bäume pflegt.
         Auch wenn auf der Bananeninsel kaum Geld mit Zitrusfrüchten zu verdienen ist – sie sind traditionell ein Statussymbol. „Wie ein großes buntes Haus“, sagen die Palmeros.

Er steht vor Pedros Haus und blickt über üppige Terrassen ins Tal.
Am Horizont glitzert der Atlantik in Urlaubsinselblau. „Niemand auf der Insel hat solche Früchte wie diese“, sagt Mayer.
         Im Garten von Pedro Juan wächst eine Mandarine, die von einem Labor in Valencia gezüchtet wurde. Sie hat weder Kerne noch ätzende Säure. „Davon kann man fünfzig essen, ohne Bauchschmerzen zu kriegen.“

„Bald“, sagt Mayer, „werde ich nicht mehr die Kraft haben, um so mit meinen Bäumen zu arbeiten.“ Den Frühling will er dann jedoch weiterhin auf der „grünen Insel“ verbringen, „denn wenn ich nicht mehr hierher kommen könnte, würde ich eingehen“.


Aus: Der Tagesspiegel, 22. 04. 2007
 
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