| Kleiner
Einblick in den palmerischen Alltag, von Dr. Ingrid
Jütting Sie gehen optimistisch
und energiegeladen aus dem Haus.
Auf dem Einkaufs- und Besorgungszettel sind mutig
13 Sachen verzeichnet, die Sie erledigen möchten
und am Mittag kommen Sie schweissgebadet, ziemlich
frustriert und kopfschüttelnd zurück
und haben gerade mal eine Sache, und die auch
nur mit maximaler Kompromissbereitschaft, erledigt?
Tja, so ist das eben hier.
Haben Sie auch das Gefühl, die Hälfte
Ihres Lebens verbringen Sie sowieso mit Warten
vor Schaltern und Tresen? So ist das eben hier.
Oder: Sie haben irgendwo etwas bestellt und geglaubt,
dass Sie es tatsächlich mañana abholen
können? Das hat man Ihnen schließlich
gestern gesagt...
Und Sie wandern tapfer 34mal in dasselbe
Geschäft und erhalten immer die gleiche freundliche
Einwortantwort, nämlich mañana
und Sie kommen und kommen einfach nicht weiter?
Tja, so ist das eben hier... mañana heisst
eben nicht morgen, sondern irgendwann in der Zukunft.
Die zweite entscheidende Vokabel, die Sie verinnerlichen
müssen, ist das Wort tranquilo. Immer mit
der Ruhe, immer hübsch langsam.
Wenn Sie lernen, die Dinge tranquilo anzugehen,
haben Sie überlebenstechnisch ausgezeichnete
Chancen.
Tranquilo müssen Sie auch den hausgemachten
Katastrophen gegenübertreten.
Nach dem letzten sibirisch-palmerischen Winter
sind Ihre Wände durchsetzt mit feuchten Flecken...
und das einzige, was Ihrem Allroundhandwerker
einfällt, ist der Tipp, die Wände neu
zu streichen? Tja, na Sie wissen schon.
Aber haben Sie schon mal erlebt, dass ein Automechaniker
in die finstere Pampa kommt, um Ihr Auto vor Ort
zu reparieren? Und dabei auch noch gute Laune
hat? Oder dass Sie in einer Kneipe stehen, kaum
erste Kontakte geknüpft haben und plötzlich
feststellen, dass der Kaffee, den Sie gerade getrunken
haben, bereits von einem netten Gast mitbezahlt
wurde?
Überhaupt: Männer treffen sich vorzugsweise
auf der Strasse und in der Kneipe.
So ist das eben auch hier.
Und was können Sie sonst noch lernen von
der palmerischen Männerwelt? Viel. Vergessen
Sie die zentraleuropäische Hektik, denn in
der Ruhe liegt die Kraft.
Ältere Männer sitzen in dunkler, sonnenfester
Kleidung auf Bänken, plaudern über dies
und das oder über vorbeieilende Touris in
kurzen Höschen mit geröteten Beinen.
Und während sie sitzen und schwatzen, erledigen
sich viele Dinge von selbst. Mindestens die Hälfte
der Leute, die man gerade wegen «dit und
dat» sprechen wollte, trifft man auf dem
Weg von A nach B oder eben in der nächsten
Kaffeekneipe, das wissen Sie ja schon, übrigens
auch Bankdirektoren, Gemeindemitarbeiter oder
Reisebüroangestellte.
Das Mitteilungsbedürfnis hier auf der Insel
scheint generell gross zu sein. Reden und Ansprachen
jeglicher Art sind ausführlich und ausschweifend,
kurz und knapp ist hier eher unhöflich. Wenn
Sie in einer Schlange stehen, vorzugsweise an
Bankschaltern oder in den örtlichen ferreterias
(vergleichbar am ehesten mit den guten alten Eisenwarenhandlungen),
kann das dauern.
Nur Geduld, denn erst wenn die Gesundheit der
Mutter und der Ziegen oder andere höchst
drängende Fragen geklärt sind, beginnt
der eigentliche Einkaufsakt. Auch das Abzählen
der Schrauben und Nägel dauert schließlich
seine Zeit, und meistens sind die wahren Schätze
sowieso in den hintersten, untersten Schubläden
versteckt....und das dauert eben alles.
Am besten nutzen Sie die Zeit, um aufmerksam
zuzuhören. So lernen Sie die Sprache am schnellsten.
Dann kann Ihnen allerdings auch passieren, dass
Sie Zeuge mehr oder minder lustiger Dialoge werden.
Als z.B. beim örtlichen Metzger eine Kundin
mit ausladender Gestik una grande puta para
mi marido" bestellte (sie wollte eine große
Pute für ihren Mann zubereiten), brach alles
in tosendes Gelächter aus, denn puta heißt
nun mal Hure. Gut gemeint, aber dumm gelaufen.
In dieselbe Kategorie gehört die Anfrage,
die ich in der örtlichen ferreteria aufschnappte,
als jemand eine Vorratsflasche für Essig
kaufen wollte, aber «una bota para viagra»
verlangte. (Essig heisst nun mal vinagre und ist
weitgehend unbekannt als Potenzmittel).
So ist das eben auch hier, wenn Ausländer
einkaufen gehen.
Aber sagen Sie doch mal ehrlich: war das nicht
ursprünglich ein Grund, nach La Palma zu
kommen? Weg von der zentraleuropäischen Hektik,
eintauchen in eine dörfliche Kulturidylle,
nie mehr Stress und Ärger?
Und dann holen Sie der in aller Welt bekannte
zentraleuropäische Perfektionismus, all die
Besserwisserei und niedrigere Toleranzschwelle
plötzlich wieder ein.
Seien Sie vorsichtig und vergessen Sie niemals,
mit welch blitzartiger Geschwindigkeit Gerüchte,
übrigens auch über Sie, durch die kleinen
Orte fliegen.
Jaja, wollen Sie einwenden, aber...
Klar, hat alles seine Grenzen, auch die Nummer
mit der Anpassung. Aber wenn Sie als Ausländer
hier leben (oder gar noch weiblich oder noch ohne
Partner umherirren), dann machen Sie sich auf
einiges gefasst. Schnell unterstellt man Ihnen,
Sie seien unterwegs, um den Palmeras ihre Männer
abspenstig zu machen oder den Palmeros zu zeigen,
wie man Frauen emanzipiert.
Ergo, suchen Sie sich einen palmerischen Partner.
So lernen Sie auch die Sprache am besten. Allerdings
müssen Sie bei der Heirat berücksichtigen,
dass zuallererst Mama einverstanden sein muss,
und Sie sollten auch gerne mit Mann bei Mama wohnen
bleiben.
Mann wohnt ja schliesslich auch noch dort, obwohl
schon im biblischen Alter. Das ist eben auch so
hier.
Aber Familiensinn hat doch auch angenehme Seiten.
Nie mehr einsame Sonntage mit «Bild der
Frau», stattdessen Picknicks mit Mann und
Maus sowie Grill und Vino im Refugio oder in der
familieneigenen Bodega. Nie mehr überlegen,
was Sie für eine Einzelperson kochen sollen,
weil grundsätzlich mindestens 12 Personen
gleichzeitig zum Essen erscheinen und Mutter den
Kochlöffel schwingt, da sie Ihren ayurvedisch-vegetarischen
Kochkünsten nicht traut.
Nie mehr nachdenken, wie die eingetretene Stille
im Gespräch durch irgendeine intelligente
Bemerkung von Ihrer Seite überbrückt
werden könnte, denn grundsätzlich reden
sowieso alle lautstark und durcheinander. Keine
Spur von gedrückter Stimmung also. Und irgendwie
scheinen die Beteiligten allen gleichzeitig zuzuhören.
Phänomenal.
So ist das eben hier.
Genau hinzuhören müssen Sie hier lernen.
Das Fischauto kündigt im Vorbeifahren den
aktuellen Fang an, der Brotwagen hupt genauso
renitent. Trotz tranquilo gilt es jetzt, zu handeln,
schnell dem Wagen hinterherzulaufen, um Brot und
Fisch zu sichern. Genauso verfahren Sie mit Kulturangeboten.
Gepaart mit entschlossener Spontaneität jederzeit
kurzfristige Tagespläne über den Haufen
zu werfen, können Sie sich nicht etwa dann
Kulturelles einverleiben, wann es Ihnen passt.
Nein nein, hier heisst es Ohren auf und mitgemacht.
Das Ausruferauto kündigt maximal 4 Stunden
vor Beginn eines Konzertes an, dass selbiges stattfindet.
Hören Sie genau hin, sagen Sie dann alles
andere ab und genießen Sie die Kultur, egal
was angeboten wird.
Im Laufe der Zeit werden Sie feststellen, dass
allerhand Künstler auf der Insel leben, die
erstaunlich aktiv sind. So ist das nämlich
eben auch hier diese Insel zieht alle möglichen
Schmetterlinge an. Und Sie können sie bestaunen.
Das ist doch was.
Staunen sollten Sie überhaupt gerne wieder
einmal. Und genau hinsehen. Wissen Sie, woran
Sie ganz sicher einen Palmero auch aus großer
Distanz erkennen können? Wenn er eine Aufzählung
mit «erstens, zweitens, drittens»
startet, aber mit dem kleinen Finger beginnt.
Ein deutscher Mann würde hingegen immer mit
dem Daumen beginnen.
Und wenn Sie eine zierliche elegant gekleidete
Dame mit ganz kleinem Täschchen treffen
garantiert eine Spanierin.
Die deutschen Damen haben allesamt große
Beutel.
Das glauben Sie nicht? Das stimmt so nicht? Stimmt,
die Welt ist voller Vorurteile, in allen Bananenrepubliken
dieser Welt.
Aus: La Palma
Info Nr. 19, Jahresausgabe 2002 - 2003
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