| Porträt
einer Hausverwalterin von Dr. Ingrid Jütting
Was
ich hier mache?
Eigentlich versuche ich nur, auf der Isla Bonita
in Ruhe und Frieden zu leben und trotzdem noch
irgendwie meinen Lebensunterhalt zu sichern. Irgendwie,
das bedeutet, die erlernten Berufe und absolvierten
Studien beiseite zu legen und bereit zu sein,
dort zu arbeiten, wo Arbeit angeboten wird.
So oder so ähnlich wurde ich zur Hausverwalterin
einiger Fincas.
Dazu hätten Sie auch Lust? Alles ganz easy?
Sie haben keine Ahnung. Wahrscheinlich, weil Sie
glauben, zur Gattung PG zu gehören, Pflegeleichte
Gäste eben.
Mag sein, aber ich sage Ihnen, so sind sie nicht
alle. Da gibt es viele BA-Gäste, die Betreuungs-Aufwendigen.
Das sind diejenigen, die nicht nur die üblichen
Fragen stellen nach Ausflugs-, Wander- und Einkaufszielen.
Die BA-Leute wollen mehr: Rundum-Betreuung zum
All-inklusive-Nulltarif. Manche eilen, wenn Sie
Pech haben, mit Ihnen als Wanderführer, ohne
Rast von einem Ziel zum nächsten, um sieben
oder vierzehn Tage später völlig geschafft
ins ferne Heimatland zurückzujetten.
Andere werden sofort krank - schließlich
kann man sich das zuhause nicht leisten. Also
los gehts: als Krankenschwester können
sie sich bewähren, nachdem oder während
parallel bei den Hartgesottenen das Ausflugs-Programm
abgespult wird.
Bei scharfer Beobachtung sehen Sie schnell, daß
mit vollgestopftem Urlaubsprogramm erfolgreich
vermieden wird, sich Zeit füreinander zu
nehmen, in Paarkrisenzeiten vermeidungsstrategisch
nicht ungeschickt. Wenn Sie Ihre Gäste dann
nach ein paar Tagen mit rotgeränderten Augen
in tiefem Schweigen wiedertreffen, ahnen Sie schon:
die Krise hat sie eingeholt.
Also praktizieren Sie Ihre Fähigkeiten als
Paartherapeutin, wenn Sie nicht zum hilflosen
Helfer verkommen wollen. Ich erspare Ihnen die
Einzelheiten mit zerdepperten Scheiben, Notverbänden
nach handfesten Auseinandersetzungen und abreisenden
Männern oder Frauen und verrate Ihnen hier
schon gar nicht die neuesten Schimpfkanonaden,
wir sind nicht bei Big Brother.
Oder manchmal doch?
Betreten Sie einfach einige Ihrer anderen Bühnen.
Putzfrau oder Gärtnerin. Hat allerdings auch
seine Tücken. Unterschiedliche Gäste
haben unterschiedliche Sauberkeitsstandards, logo.
Aber können Sie mir erklären, warum
Herr und Frau Dr. P.-S. aus Wien den Müll
von drei Urlaubswochen in der Wohnzimmerecke mit
Tausenden von Ameisen teilen, oder warum die Wanderfreaks
aus der Oberwohnung nach drei Tagen samt Klodeckel
abreisten?
Und was steckt hinter der Tatsache, daß
in vier Wochen fünf Handfeger samt Schaufeln
verschwinden?
Offensichtlich gibt es im fernen Deutschland einige
wirtschaftliche Engpässe in Bezug auf allfällige
Haushaltsgegenstände.
Als Putzfrau finden Sie natürlich auch eine
Menge vergessener Sachen. Das Ausgeh-Kostüm
hängt noch frisch gebügelt im Schrank,
in der Unterwohnung liegt ein Stützkorsett,
daneben ein Elektrosmog-Meßgerät und
dann diese Auswahl an frivolen Büchern.
Das hätten Sie dem Bürgermeister der
Jahrhundertstadt K. gar nicht zugetraut... aber
wer kennt schon seine Gäste?
Gärtnern als Ausgleich? Funktioniert für
Hausverwalterinnen nur dann, wenn Gäste die
Finger vom Bewässerungssystem lassen. Zisterne
leer. Zuhause läuft ja Wasser ohne Ende.
Mache Gäste beginnen eigenmächtig, Bäume
zu stutzen oder Pflanzen zu veredeln, frei nach
dem Motto WHZA (Wir Haben Zuhause Auch...) Falls
Sie den Verlust einiger Pflanzen beklagen, denken
Sie am besten nicht weiter nach. Die haben ihren
Weg nach Deutschland oder sonstwohin angetreten,
um dort einsam, still und bescheiden ihr Leben
zu beschließen, weil sie nicht gedeihen
können.
Auf die schon erwähnten Krankenpfleger-Fähigkeiten
können Sie jederzeit bei Verstauchungen,
Brüchen oder ähnlichem zurückgreifen,
allerdings in Maßen. Als die gerade angereiste
Geistheilerin beim ersten Spaziergang mit Stöckelschuhen
auf dem Grundstück mit doppeltem Wadenbeinbruch
dalag, blieb nur noch der Abtransport ins Krankenhaus
und dann in die Heimat. Das müssen Sie natürlich
auch organisieren.
Apropos Abtransport: auch tierische Besucher können
miteinander in Konflikt geraten. Aus einem Knäuel
von drei einheimischen Hunden und drei zum Urlaub
angereisten Siamkatzen mußte der Tierarzt
auf den Plan gerufen werden. Immer die Nerven
behalten.
Tägliche Kleinigkeiten, wie unbeschwerten
Umgang mit angestellten Gasöfen, die unbelastet
moderner Sicherheitsvorkehrungen ohne Zündsicherungen
funktionieren, sollten Sie im Auge behalten. Am
wichtigsten ist, dass die Gäste zufrieden
sind. Schließlich sollen sie ja wiederkommen.
Deshalb gilt es, Stimmungsschwankungen auch sofort
zu realisieren, entertainmenttechnisch einen Lagerfeuerabend
oder gemeinsames Kuchenbacken zu initiieren und
das trübe Wetter als Herausforderung der
Isla Bonita zu zelebrieren.
Holen Sie Ihre Gitarre raus oder moderieren Sie
mit all Ihrem Charme regelmäßige Gästezusammenkünfte
unter der Überschrift UGA (Unsatisfied Guests
Anonimous). Geben Sie die Möglichkeit zum
Abreagieren. Sie können auch Meditationen
leiten.
Dazu brauchen Sie null Erfahrung, das macht hier
sowieso jeder.
Wenn Sie dann völlig fertig sind, fahren
Sie am besten irgendwohin in Urlaub und laden
Sie Ihren Ärger und Streß an anderen
Hausverwaltern ab. Das hilft. Und hat außerdem
immer den Nebeneffekt, dass Ihnen auffällt,
was an den von Ihnen betreuten Häusern noch
verbesserungswürdig ist.
Und, zurück auf La Palma, gehen Sie am besten
in die regelmäßig tagende Selbsthilfegruppe
der HAs (Hausverwalter Anonimous). Hier können
Sie all Ihre Sorgen besprechen.
Und fragen Sie mich bitte nicht wieder, was ich
hier mache. Ich versuche nur, in Ruhe und Frieden
zu leben und trotzdem noch irgendwie meinen Lebensunterhalt
zu sichern.
Aus: La Palma Info
Nr. 18, Jahresausgabe 2001 - 2002 |