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MENSCHEN
David

Er war 18 Jahre alt, als er eine Ohrfeige bekam, die er nie vergessen würde.
Sie sollte erzieherischen Zwecken dienen, stammte aber nicht von seinen Eltern, und das kam so: Bei einem Treffen von Leuten aus El Paso auf der alten Plaza - vor der alten Kirche - mußte falangistisch gegrüßt werden, jedermann hatte also eine Hand in die Luft zu strecken - so ähnlich wie der Hitlergruß.

David machte mit, denn Weigerung war damals, im spanischen Bürgerkrieg, nicht angebracht. Aber er grüßte nicht vorschriftsmäßig, sondern streichelte gleichzeitig einem vor ihm stehenden hübschen Mädchen übers Haar. Obwohl das ganz unauffällig geschehen war, hatte einer der allgegenwärtigen Falange-Aufpasser das Sakrileg bemerkt und verabfolgte David die oben erwähnte Ohrfeige mit der gezischten Anweisung, in Zukunft sei anständig zu grüßen. Von diesem Ereignis blieben keine bleibenden Schäden.
         Nur ist David nie in seinem Leben auf den Gedanken gekommen, jemals rechts zu wählen, nachdem in Spanien wieder die Demokratie eingeführt worden war.

David war in eine der damals typischen Bauernfamilien hineingeboren worden, wie sie es zu hunderten in El Paso gab. Er ging zur Schule, lernte das Bauernhandwerk, und weil er als Kind im elterlichen Betrieb nicht gar zu viel mitarbeiten mußte, konnte er nach seiner Volksschulzeit noch eine private, weiterführende Schule besuchen.
         Solche gab es in jenen Zeiten: Pensionierte Lehrer unterrichteten interessierte junge Leute über das Volksschulniveau hinaus. Oberschulen gab es seinerzeit noch nicht auf La Palma.

Diktate wurden zur Vervollständigung der orthographischen Kenntnisse geschrieben, es wurde kopfgerechnet und etwas Buchhaltung beigebracht. So kommt es, daß David auch heute noch jederzeit in der Lage ist, etwa drei mal elf im Kopf auszurechnen, was bei Leuten in seinem Alter hierzuinsel nicht selbstverständlich ist.

Ruhig ging es seinerzeit zu in El Paso. Drei Autos gab es in der Stadt und den Linienbus. Der war immerhin schon schnell genug, daß mal jemand überfahren wurde. Die in solchen Fällen in Spanien vorgeschriebene Autopsie des Unfallopfers wurde auf dem ehemaligen Friedhof von El Paso - heute Firmenparkplatz des Supermarkts San Martín - öffentlich vorgenommen.
         David schaute auch zu, aber es wurde ihm schlecht dabei, und er wandte sich mit Grausen ab.

Mit gerade mal 19 Jahren mußte David zur Armee. Dagegen war nichts zu machen. Auf einem Frachter wurde er zusammen mit vielen anderen angehenden Soldaten nach Afrika verschifft. Die vier Tage der Überfahrt waren entsetzlich.
         Es gab nur Sardinen und Brot zu essen, und geschlafen wurde auf aufgeschüttetem Stroh in den Laderäumen.

Weil die meisten Passagiere seekrank wurden - David auch - ergab sich eine unbeschreibliche Atmosphäre in den Laderäumen, die durch den Strohstaub in ihrer Schrecklichkeit noch erhöht wurde. Nie wieder, schwor sich David bei allen Heiligen, die ihm gerade einfielen, würde er jemals wieder ein Schiff betreten.
         Den Schwur hat er später rückgängig gemacht; die Umstände ließen anderes nicht zu.

In Afrika selbst ging es David gut. Zunächst war er in Tetuan und später in Tanger. Kämpfen brauchte er während seiner gesamten Militärzeit nicht, und das Essen war auch wesentlich besser als auf dem Schiff. Es war fast etwas langweilig. Allerdings war das eindeutig besser als in den Krieg geschickt zu werden, und noch heute beglückwünscht sich David dafür, daß er keine Fronterfahrung sammeln mußte.
         Aber das Ganze dauerte lange, nämlich geschlagene fünf Jahre.

Danach kehrte David nach La Palma zurück und übernahm den elterlichen Betrieb. Das war 1942. Da gab es ein paar Kühe und Ziegen und das unvermeidliche Schwein, das mit der Käsemolke gemästet wurde. Allerdings durfte man nicht zu viel produzieren, zumindest auf dem Papier, denn es herrschte Lebensmittelknappheit mit Rationierung.
         Die Kontrolleure der Falange warfen ihr Auge auf jedes Weizen- oder Gerstenkorn und spürten unbarmherzig auch das scheinbar unauffindbar versteckte Schwein auf.

Im Lauf der Jahre wurden dann die Lebensmittel-Rationierungen aufgehoben; die Zeiten wurden deutlich besser. David heiratete und seine Frau bekam im Lauf ihrer Ehe zwei Kinder.

Der Vulkanausbruch von 1949 ist David in Erinnerung wie allen La-Palma-Bewohnern, die ihn erlebt haben. Er war ihm lästig. Die tagelange Aschenberieselung aus der Luft war nicht nur schlecht für die Bronchien, sondern auch für die Salat- und Kohlpflanzen im Garten.
         Außerdem war das Klirren der Gläser im Schrank aufgrund von Erdstößen unangenehm und störte manchmal den Schlaf.

David machte aus seiner Abneigung gegen Vulkane kein Hehl, ließ sich aber dennoch von Freunden hinreißen, einen Abstecher in die Berge zu machen und das Naturereignis genauer zu betrachten.
         Die Gruppe drehte allerdings dann vorzeitig um, bevor sie in die Nähe der Krater kam, denn gefährlich anmutende Risse waren im Boden, und laufend kullerten Steine von den Hängen. Außerdem stank es ziemlich nach Schwefel.

In den 50er Jahren rief Südamerika, besonders Venezuela, nach Einwanderern von den Kanarischen Inseln. Zuverlässige Arbeiter mit landwirtschaftlichen Kenntnissen wurden gesucht.
         David wollte eigentlich nicht nach Venezuela, es ging ihm ja gut in El Paso. Aber schließlich machte er doch mit und besorgte sich eine Schiffspassage.

In Venezuela kam David nicht an das große Geld wie manche andere Palmeros. Zusammen mit einem Schwager baute er in Halbpacht in den venezolanischen Kordillieren Kartoffeln an. Das machte er vier Jahre, und als er genug davon hatte, kehrte er zurück zu seiner Familie nach La Palma.

Da war gerade der Bananenboom so richtig im Gange. Es wurden großzügige Subventionen für das Herrichten von Plantagen gewährt.
         David hatte kurz vor seinem Ausflug nach Venezuela günstig ein Grundstück in Puerto de Naos erworben, und darauf baute er in der Folgezeit Bananen an.

Im Nachhinein betrachtet sei das eine sehr gute Entscheidung gewesen, sagt David heute. Seitdem hätten im Haus niemals 5000 Peseten gefehlt, wenn sie mal dringend gebraucht wurden.

Die einsetzende Motorisierung des Straßenverkehrs machte auch vor David nicht halt, und er machte den Führerschein. Das war 1962 und seinerzeit eine leichte Angelegenheit im Vergleich zu heute.
         Die praktische Prüfung bestand aus einmal Einparken, und bei der theoretischen Prüfung durften sich die Anwärter gegenseitig helfen.

Davids erstes Auto war ein Ford Cortina; der hielt 20 Jahre. Das war für die damaligen Zeiten durchaus normal. Das nächste Auto war ein Seat; der hielt nur 11 Jahre.

Seit drei Jahren kultiviert David seine Bananen nicht mehr selbst, sondern hat sie abgegeben in Halbpacht. Mit seinen jetzt 81 Jahren ist ihm solche Arbeit zu schwer geworden.
         Seine Kinder leben auf anderen kanarischen Inseln und wollen von Landwirtschaft beziehungsweise Bananenanbau nichts wissen.

Ums Haus leben ein paar Hühner und Kaninchen. Eine Weinlaube bringt einige hundert Liter Wein im Jahr, und Platz für den Kartoffel- und Kohlanbau ist auch vorhanden.
         Die Pflege und Bewässerung dieser Kulturen bewerkstelligt David noch selbst, aber die Bodenbearbeitung läßt er sich von jemand anderem machen. Das ist inzwischen mit Motorfräsen deutlich einfacher geworden als früher mit dem Römischen Pflug hinter einem Kuhgespann.

David hat also Zeit, und die genießt er. Er kennt einen großen Teil der Einwohner El Pasos und weiß, wer mit wem verheiratet, verschwippt und verschwägert ist. Seine Sinne sind klar und vollständig, so daß er noch liest und sich ärgert, wenn etwas seiner Meinung nach falsch ist.

Beispielsweise war er nicht einverstanden mit einem Artikel in einem spanisch-deutschen Anzeigenblatt. Darin stand, niemand habe je gewußt, wer die Eltern des ersten Bürgermeisters von El Paso, Manuel Taño de Las Paredes, waren.
         Der war ein Findelkind gewesen. Dessen Mutter müsse aber etwas gewußt haben, meint David, und Manuel Taño war sein Urgroßvater. Das kann schon sein, denn einer der Nachnamen Davids ist Taño.

In einem verhält er sich allerding atypisch: Er interessiert sich nicht für Fußball wie sonst jedermann auf der Insel. Seinen nachmittäglichen Stammtisch hat David in die Cafetería eines Supermarkts in El Paso verlegt. Dort ist es weniger laut als in den anderen Bars, und die Bedienungen sind weiblich und jung.
         Da sitzt er fast jeden Tag, trinkt einen Whisky, redet mit den anderen Leuten am Tisch und streut die Asche seiner Zigarre sorgfältig auf den Boden.

Eine alte Gewohnheit aus Venezuela, versucht David sich zu entschuldigen. Dort gibt es in den Bars meistens keine Aschenbecher, weil sie zu oft geklaut werden.

Aus: La Palma Info Nr. 15 Winter/Frühjahr 2000

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