| Porträt
eines Inseloriginals, von Enrique Naumann
Wer Chano nicht kennengelernt hat, muss sich
einer Bildungslücke bezichtigen lassen.
Einen fröhlicheren Menschen als ihn kann
man sich gar nicht vorstellen.
Seinen Ruf auf der Insel verdankt er jedoch besonders
seiner Stimme. Sie hat ein ganz spezielles Timbre,
und wenn er Liebeslieder singt und dabei tief
in die Augen der Frauen schaut, schmelzen deren
Herzen dahin wie Butter in der Sonne.
Chano heißt gar nicht so. Sein Name ist
Álvaro Martín Hernández,
aber nur seine Frau weiß davon und vielleicht
noch der Postbote, die Polizei und das Finanzamt.
So läuft das recht häufig auf La Palma,
und manchmal wissen die Betroffenen mit den Jahren
gar nicht mehr, wie sie amtlich eigentlich heißen.
Chanos Vater war «Hojalatero» oder
«Latonero». So jemand schnitt Blech
zurecht, bog es in die jeweilig gewünschte
Form und machte Dosen daraus. Sie dienten beispielsweise
zur passgenauen Aufnahme von Käselaiben;
die Luft wurde durch Einfüllen von Öl
vertrieben und die Dose zugelötet. Die Käselaibe
verschickte man nach Übersee, vor allem nach
Kuba.
Außerdem stellte ein «Hojalatero»
Gebrauchsgegenstände her wie Gießkannen,
Kerzenlaternen und Blecheimer oder auch große
Badezuber, denn moderne Badezimmer mit Duschen
und Wannen gab es seinerzeit nur wenige auf der
Insel.
Im Haus von Chano machte man viel Musik; mit
der wuchs er auf und das bewirkte eine lebenslange
Prägung. Seine Musikalität machte sich
früh bemerkbar, und schon als kleiner Junge
schnappte er sich regelmäßig die Zupfinstrumente
seines Vaters und übte.
Gleichzeitig lernte er die Melodien und Texte
der gängigen Volkslieder. Sogar das Notenlesen
brachte er sich bei. Sein Lieblingsinstrument
wurde die Mandoline, auf der er sich eine außergewöhnliche
Virtuosität erwarb.
Aber auch mit der Gitarre kommt er ganz passabel
zurecht, und an ein Bongo oder sonst ein Schlagzeug
gesetzt (wie z.B. den Basskasten mit den gezupften
Stahlzungen eine Art Kontrabassersatz)
macht er auch keine schlechte Figur.
Schon früh ging Chano arbeiten und konnte
ab da der gesetzlichen Schulpflicht nicht mehr
nachkommen. Schließlich hatte er acht Geschwister,
half beim Tabakanbau aus und verdingte sich mit
14 Jahren bei dem Sägewerk in El Paso. Als
an der Stelle später die Zigarettenfabrik
baute (heute Supermarkt San Martín), wurde
er dort eingestellt und blieb hier mit einigen
Unterbrechungen bis 1988. Dies war ein begehrter
Broterwerb, denn Arbeitsplätze waren in jener
Zeit rar und wer in der «Tabacalera»
angestellt war, konnte sich glücklich schätzen.
Schon damals wurden die Zigaretten mit Maschinen
hergestellt und die Mitarbeiter waren dafür
zuständig, dass die Maschinen nichts falsch
machten und immer mit Material versorgt waren.
Zum Militär musste Chano zu seiner Erleichterung
nur viereinhalb Monate lang. Der Bürgerkrieg
war vorbei und Wehrpflichtige nahm man damals
lediglich so viele, wie gerade gebraucht wurden.
Danach entwickelte er sich zum gottbegnadeten
Folkloresänger. In mehreren Gruppen sang
und spielte er, und wenn es etwas zu feiern gab,
war er ein gern gesehener Gast, denn mit ihm war
eine gute und feuchtfröhliche Laune garantiert.
Auch war er 13 Jahre aktiv in einem Verein für
«Lucha Canaria», den kanarischen Ringkampf.
Aus dieser Zeit rührt sein etwas labbriges
rechtes Ohr; immerhin ist es noch da und wurde
nicht abgerissen. Noch heute ärgert er sich
darüber, dass damals für die Teilnahme
an Ringkämpfen nichts bezahlt wurde, denn
man raufte sich anders als heute
ehrenamtlich.
Auch Chano gab den Rufen nach, die von Venezuela
herüberkamen. Dort könnte man angeblich
richtig Geld verdienen. Um Miete zu sparen, wohnte
er in einer Hütte aus Press-Span und Wellblech
in Caracas, und zum Waschen hatte er ein Wasserfass,
unter das er sich zum Duschen stellen konnte.
Nach einem Jahr kam er wieder zurück, denn
er hatte dort Presslufthämmer bedient und
fürchtete, taub zu werden.
Immerhin konnte er in dieser Zeit sein Repertoire
an mittel- und südamerikanischen Liedern
erweitern. Später, wieder in El Paso, bekam
er von der Zigarettenfabrik eine auf sechs Monate
befristete Freistellung, um nach Holland zu gehen.
Dort arbeitete er in einem Hochofenbetrieb. Diese
Zeit ist ihm in unguter Erinnerung. Die Arbeit
war ungewöhnlich hart, die Hitze setzte ihm
zu und er nahm 12 Kilo ab. Als er glaubte, genug
Geld verdient zu haben, zumal das halbe Freistellungsjahr
um war, kam er wieder nach La Palma zurück.
300000 Peseten hatte er gespart, das war
viel Geld damals im Jahr 1971, mit welchem er
ein zweites Stockwerk auf sein Haus in der Nähe
der Cruz Grande in El Paso baute. Das war auch
nötig.
In Chanos Familie, welche er 1954, gewissermaßen
die Eltern nachahmend, gründete, wurden neun
Kinder geboren. Ein Außenklosett gab es
für alle, aber kein Bad. Die Kinder sind
inzwischen allesamt erwachsen, und Chano ist stolzer
Großvater von 13 Enkelkindern.
Mit den diversen palmerischen Folkloregruppen,
bei denen Chano mitmachte, kam er weit herum.
Mit der «Cumbre Nueva» von El Paso
ging es auch mal wieder nach Venezuela. Bei dieser
Gelegenheit lernte er etwas vom Landesinneren
kennen. Dazu hatte er als Presslufthämmerer
nie Zeit gehabt.
Und bei den «Los Arrieros» von Los
Llanos war Chano auch und kam im Zusammenhang
mit Auftritten auf die anderen Kanarischen Inseln,
nach Festlandspanien und sogar bis Kuba.
Aus diesen Zeiten gibt es auch Bandaufnahmen
mit Beteiligungen von Chano, aber die sind inzwischen
vergriffen. Vor einigen Jahren machte er in einem
Studio in Teneriffa mit seinem damaligen Gitarrenbegleiter
Jorge eine Kassettenaufnahme. Dabei musste er
sich richtig zusammennehmen, sagt er. Da gab es
kein Fest-Ambiente, sondern Konzentration war
angesagt.
Und ein Lied auf der Kassette singt nicht Chano,
sondern Jorge, weil es einen englischen Text hat;
und diesbezüglich ist Chano nur wenig beschlagen.
Wer Chano schon länger kennt, weiß,
dass er bei irgendwelchen Festen unverwüstlich
ist. Natürlich hat er jetzt mit seinen 69
Jahren etwas nachgelassen, aber noch immer bringt
er es fertig, anlässlich öffentlicher
oder privater Feiern unermüdlich bis zum
Morgengrauen durchzusingen und zu spielen.
Wenn man ihn tags darauf trifft, zeigt er einem
die aufgesprungene Hornhaut auf den Fingerkuppen
der linken Hand. Heute spielt Chano in keiner
Musikgruppe der Insel. Das dauernde Proben mit
Gruppen lässt sich mit seinem Wunsch nach
Unabhängigkeit nicht vereinbaren, zumal er
keinen Führerschein und kein Auto hat, so
dass er bei seiner Fortbewegung auf Bekannte und
Autostop angewiesen ist. Das Singen und Spielen
jedoch sind weiterhin seine größte
Leidenschaft.
Ein geradezu unermessliches Repertoire ist ihm
zu eigen; man muss sich wundern, von wie vielen
hundert Liedern er die Texte und Melodien kennt.
Er scheut sich auch nicht vor der Intonation weniger
folkloristischer Weisen: Schlagerohrwürmer
beispielsweise, oder auch mal etwas von den Beatles,
allerdings dann ohne Text.
Derzeit ist Julio sein ständiger musikalischer
Begleiter mit der Gitarre, ein hochmusikalischer
Mann auch aus El Paso, der in früheren Zeiten
Nachwuchsgruppen ausbildete. So ziehen heutzutage
Chano und Julio, in Tracht gekleidet, zuweilen
durch die Bars und Restaurants des Aridanetals
und musizieren für ein Trinkgeld.
Aus: La Palma
Info Nr. 19, Jahresausgabe 2002 - 2003
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