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Interview mit
Frau Ute Tams von R. Naumann K.
Frau Ute Tams
hat 1971 ein Haus in der Polvacera auf der Ostseite
La Palmas gekauft, um darin zunächst zeitweise
und später dauernd zu leben.
Über diesen Entschluß ist sie heute
noch froh. In den Jahren seitdem hat sie hier
viel erlebt, und darüber haben wir sie ausgefragt.
Sie sind
inzwischen fast 30 Jahre auf La Palma; man muß
meinen, Sie wollten von hier nie mehr fort.?
Ja, natürlich will ich auf der
Insel bleiben; sie ist inzwischen auch meine Insel.
Besonders beeindruckend ist der Wechsel der Landschaft.
Man sieht im Süden fast schon Wüstengegenden,
man hat den Hartlaubwald, und dann im Westen wieder
eine völlig andere Vegetation.
Und nicht missen will ich das Zusammenleben mit
den Spaniern. Wer so lange hier ist, hat sie von
Anfang an in bester Form erlebt als gastlich,
freundlich, hilfsbereit und das ist für
mich bis heute so geblieben.
Als wir damals kamen, waren die Begegnungen für
beide Seiten etwas Neues und Hochinteressantes.
Wir haben seinerzeit den besten Start im Zusammenleben
mit den Palmeros gehabt, den man sich vorstellen
kann. Das ist heute in dieser Form kaum noch möglich.
Damals war es noch so, daß, wenn man eingeladen
wurde, alles an Essen Verfügbare im Haus
zusammengesucht wurde, um es auf den Tisch stellen
zu können; wenn man Hilfe brauchte, sie waren
da, boten sich an. Das ist heute nicht mehr ganz
so. Vielfach sind die Palmeros ausgenutzt worden,
das hat Spuren hinterlassen, und inzwischen haben
beide Seiten nicht nur positive Erfahrungen gemacht.
Es war damals wie soll ich sagen
unbelastetes Zusammenkommen üblich.
Sie bevorzugen das Leben auf der Ostseite
der Insel. Warum?
Aus klimatischen Gründen.
Die Ärzte sagten damals, für die Gesundheit
meines Mannes seien die geringeren Temperaturunterschiede
zwischen Tag und Nacht und zwischen Sommer und
Winter günstig.
Für mich persönlich kommt hinzu, daß
es hier grüner ist, und ich bin nun mal ein
Fan des Draußenlebens, das gefällt
mir.
Sie haben den Ruf, jeden Winkel La Palmas
zu kennen. Stimmt das?
Ich habe das Glück, einen Mann
zu kennen, der bei den Vermessungsarbeiten zur
Erstellung der Militärkarte mitgearbeitet
hat.
Der weiß natürlich überall bestens
Bescheid.
Das waren aber auch noch Kerle: Wenn die zu Beginn
des Wochenendes gerade in Barlovento waren, liefen
sie über den Inselkamm nach Fuencaliente,
Las Caletas, und nach dem Wochenende wieder zurück
in den Norden. Das macht ihnen heute keiner so
schnell nach.
Es gab ja noch nicht so viele Straßen wie
derzeit.
Da haben Sie viel kennengelernt, was anderen
verschlossen geblieben ist.
Einen anderen habe ich gekannt, der
lief alle Quellen der Insel ab.
Außerdem bin ich mit Ziegenhirten aus Puntagorda
gewandert.
Die suchen auch Orte auf, wo sonst kaum jemand
hinkommt.
Außerdem weiß man von Ihnen,
daß Sie sich sehr für die eßbaren
Früchte der Insel interessieren und für
deren Weiterverarbeitung und Konservierung.
Angefangen habe ich mit den Tunos (Kaktusfrüchte),
mit denen von der Küste, die furchtbar stachelig
sind.
Trotzdem hat man früher alle Teile der Pflanze
genutzt. Das waren harte Lehrjahre, ich kam mir
manchmal vor wie ein Igel; heute weiß ich,
wie man's macht. Ich habe mir ein eigenes Gerät
gemacht, damit ich die Früchte von der Pflanze
pflücken kann, ohne gespickt zu werden. Manchmal
sind die Nadeln so lang, daß man tote Vögel
daran findet, die sich beim Insektenfang aufgespießt
haben.
Ich bin der Meinung, daß wir längst
nicht alles nutzen, was die Insel bietet.
Sie haben auch den Ruf als gute Pilzkennerin.
Ich habe mich schon in Deutschland
für Pilze interessiert, und diesem Hobby
bin ich natürlich auch hier nachgegangen.
Die Hiesigen kennen kaum die guten Speisepilze
und haben panische Angst davor, giftige zu erwischen.
Ich habe aber etliche Palmeros zu begeisterten
Pilzessern machen können. Ein Drechsler in
der Nachbarschaft, beispielsweise, hat eine Riesenkühltruhe
voll mit eingefrorenen Pilzen, hauptsächlich
Pfifferlingen, und seine Familie ist ganz lüstern
nach Pilzen.
Der Mann hat einen Vorteil: Er war früher
Waldarbeiter und kennt ergiebige Pilzgründe
noch besser als ich.
Für meinen eigenen Bedarf habe ich mir Trockenapparate
gebaut. Ein großer, mit mehreren Quadratmetern
Rostfläche, kann auch große, plötzlich
anfallende Mengen aufnehmen. Natürlich kann
ich damit auch andere Früchte trocknen.
Wenn Sie 1971 hergekommen sind, haben Sie
bestimmt auch den Ausbruch des Vulkans Teneguía
miterlebt?
Ja, natürlich.
Wir saßen da nachts auf dem Kraterrand des
San Antonio und schauten hinunter zum Teneguía.
Es war ein phantastisches Bild, also so etwas
Schönes an Farben habe ich noch nie im Leben
gesehen, und man hörte die Steine, die aus
dem Vulkan herauskamen. Alle, die dort waren,
auf dem San Antonio, waren eine brüderliche
Gemeinschaft. Jeder hatte etwas mitgebracht: Brot,
Käse, Wein. Näher als zum San Antonio
durfte man nicht, denn die Zufahrtsstraßen
hatte man gesperrt. Man rechnete mit wechselnden
Winden, die den Zuschauern hätten gefährlich
werden können.
Hatten Sie keine Angst?
Nein; wenn ich noch einmal hier einen Vulkanausbruch
erleben könnte, würde ich alle meine
Liebsten herordern, damit sie ebenfalls solche
großartigen Bilder mit eigenen Augen sehen
könnten.
Die Nachbarn hatten mir auch erzählt, daß
die palmerischen Vulkane nicht besonders gefährlich
seinen.
Als der Teneguía schon erloschen war,
zündete man eine Sprengladung im Krater,
damit irgendwelche wichtigen Leute noch authentisch
wirkende Fotos machen konnten. So etwas würde
Medio Ambiente heutzutage nicht mehr zulassen.
Später, als die Lava halb erkaltet war, gingen
wir darüber, um an den völlig abgeschlossenen
Fischerhafen zu gelangen. Wenn die Schuhe anfingen
zu stinken, mußte man schleunigst auf sandbedecktem
Untergrund Zuflucht suchen. Faszinierend waren
auch Spielereien mit trockenen Zweigen: Wenn man
die in Spalten oder Löcher in der Lava steckte,
fingen sie sofort an zu brennen.
Unten am Hafen waren viele Boote mit Lavabrocken
und Grus gefüllt. Das sah alles ziemlich
trostlos aus.
In diese Zeit fiel auch die Erweiterung des Straßentunnels
unter der Cumbre Nueva. Am Wochenende wurde daran
nicht gearbeitet, gleichwohl war die Durchfahrt
mit einer niedrigen Kette gesperrt. Man machte
sich dann einen Sport daraus, in dem man mitgeführte
Bretter so über die Kette legte, daß
man auf ihnen kippend über die Kette fahren
konnte.
Selbstverständlich half man anderen, bretterlosen
Autofahrern aus.
Wieso haben Sie gerade La Palma gewählt?
Ich hatte eine Freundin, die war mit einem
Arzt verheiratet, und die zwei waren lange Jahre
in Südamerika.
Nachdem ihr Mann gestorben war, war diese Freundin
ziemlich mittellos. Um sich über die Runden
zu bringen, benutzte sie ihre guten Sprachkenntnisse
außer deutsch noch englisch, französisch,
spanisch, russisch -, um bei guten Reiseunternehmen
als Reiseleiterin zu arbeiten. Und die sagte mir,
ja, was mir eigentlich am besten gefallen hat,
ist die Insel La Palma.
Das zu einer Zeit, als hier noch nichts war. Das
bestätigte mir auch unsere Landesärztin
vom Roten Kreuz, deren Großvater war Reeder
gewesen. Einer dessen Kapitäne hatte gesagt,
was ihm am besten gefallen hatte, sei die Insel
La Palma gewesen.
So kam der Gedanke auf: Sehen wir uns das mal
an. Und dann gefiel es uns hier so gut, daß
wir in den vier Wochen, die wir erstmals hier
zubrachten, sozusagen ohne großes Kapital
das Haus hier in der Polvacera kauften; in der
Franco-Zeit war das mit dem Geldtransfer manchmal
schwierig.
Zunächst dachten wir dabei nur an eine Bleibe
zur Überwinterung und überhaupt nicht,
um immer hier zu leben. Das kam erst später.
Konnten Sie schon Spanisch, als Sie herkamen?
Kein Wort.
Inzwischen kann ich mich gut auf Spanisch verständigen,
allerdings in Grenzen. Bei mir kommt erschwerend
hinzu, daß ich nicht gut höre, deshalb
arbeite ich diesbezüglich anders.
Ich muß mich sehr anstrengen, um andere
zu verstehen. Spanier sind aber eher bereit, anders
als etwa Franzosen, bei der Verständigung
zu helfen. Am Anfang habe ich aufgemalt, was ich
wollte.
Nun kann ich nicht gut zeichnen, aber das machte
den Leuten so viel Spaß, daß ich immer
bevorzugt bedient wurde in den Läden und
so.
Irgendwann wurde mir klar, daß mein Spanisch
doch recht primitiv und schauerlich war. Ich wollte
dann gezielter das richtige Wort für diesen
oder jenen Begriff benutzen können, der im
konkreten Fall angebracht war.
Deshalb nahm ich Unterricht. Der hatte auch Erfolg
und ich merkte das, wenn die spanischen Gesprächspartner
beim Zuhören plötzlich die Ohren spitzten,
weil ich neue Ausdrücke gebrauchte.
Spätestens nach der Lektüre der
Merian-Ausgabe vom Februar 2000 weiß man,
daß Sie sich sehr für Höhlen interessieren.
Wie kommt das?
Angefangen habe ich mit der von Todoque.
Ich hatte von ihr gehört und begann, alleine
nach ihr zu suchen, aber ohne Erfolg. Ein alter
Mann beobachtete mich, merkte wohl, was ich da
suchte und sprach mich an. Der zeigte mir dann
den Eingang.
Das ist nun bestimmt schon 15 bis 20 Jahre her.
Dieser alte Mann erzählte mir dann auch,
daß er in seiner Jugend zusammen mit Freunden
die Höhle hinaufgekrochen sei. Alle waren
so arm, daß sie keine Taschenlampen hatten,
so daß sie mit selbstgemachten Fackeln leuchten
mußten. Oben angekommen wollten sie durch
ein Loch hinaus.
Da war aber alles voll mit Taubenmist und Fledermäusen,
so daß sie die Höhle wieder so verlassen
mußten, wie sie hineingekommen waren, allerdings
nun beschwerlich abwärtskriechend.
Der alte Mann hat mir dann noch mehr Höhleneingänge
gezeigt. Das hat mir Spaß gemacht. Da ist
weniger ein wissenschaftliches Interesse im Spiel
(wie im "Merian" berichtet wurde), sondern
mir bedeutet das einen ästhetischen Genuß.
Es ist faszinierend, wie verschieden diese Höhlen
ausgeprägt sind. Riesenräume gibt es
da, mit Pfeilern, manchmal mit traumhaftem Ausblick
nach außen, unten, bei Todoque beispielsweise.
Nebenher gesagt, wenn ich in Geschäften und
Bars nach den Höhlen frage - niemand weiß
davon.
Ich bemühe mich, nichts zu verändern,
nichts darin liegenzulassen. Als ich das erste
Mal in die Höhle von Todoque ging, war der
Eingang vollgeworfen mit Abfällen aller Art
kleine Gasöfen, alte Eimer und so
weiter. Das ist heute aufgeräumt, aber damals
sah das ziemlich schrecklich aus. Aber heute noch
ist ein Loch nahe der Straße, ungefähr
sechs Meter tief, vollgefüllt mit Müll.
Irgendwie fehlt da hier das richtige Bewußtsein.
Immerhin handelt es sich um Schätze der Natur.
Was fällt Ihnen zu den Veränderungen
ein, die sich seit Ihrer Ankunft auf der Insel
bis heute ergeben haben?
Da kann man nur sagen: Das Rad der Geschichte
läßt sich nicht zurückdrehen.
Damals freuten sich die Leute aufs Wochenende,
kamen zusammen, sangen und tanzten so etwas
gibt es heute kaum mehr. Die Veränderungen,
besonders technischer Art, wie die vielen Autos,
die schnelleren Medien, haben eine gewisse menschliche
Verarmung mit sich gebracht. Das sagen die Einheimischen
aber auch.
Viele für uns Ausländer selbstverständliche
Dinge gab es nicht, das ergab vielleicht eine
größere menschliche Nähe.
Es gab für die Hiesigen nur den kleinen
Seat als Personenauto oder die sperrigen Landrover
als landwirtschaftliches Fahrzeug, es gab keine
Butter, oder wenn doch, war sie ranzig
und trotzdem, das Leben war irgendwie voller.
Wie kamen Sie mit der palmerischen Küche
zurecht?
Nun ja, die ist nicht gerade vielseitig. Aber
was die palmerischen Köche machen, ist normalerweise
ausgezeichnet. Für mich ist heute eine Fischsuppe
ohne Gofio keine Fischsuppe mehr. Oder die Fleischzubereitung
mit der Oregano-Marinade ein Genuß!
Auch den palmerischen Eintopf mag ich sehr, allerdings
verfeinere ich ihn auf meine Art, da schmeckt
er mir besser. Ausgezeichnet die Paellas, wie
man sie hier zuzubereiten weiß, mit einem
Eimer Krebse von der Küste. Ich meine, ich
komme mit der palmerischen Küche sehr gut
zurecht.
Dabei habe ich den Vorteil, daß ich die
Kenntnisse aus zwei kulinarischen Welten nutzen
kann und vorurteilslos herangegangen bin.
Wer Sie kennt, weiß auch, daß
Sie manchmal monatelang verreist sind. Wohin reisen
Sie da?
Wenn es Monate dauert, bin ich in Australien.
Warum ausgerechnet Australien?
Weil ich da sehr viele Verwandte habe.
1843 ist einer meiner Vorfahren nach dort ausgewandert
als Missionar und hat sich danach enorm vermehrt.
Seine Nachkommen sind alle gestandene Australier,
vergessen aber nicht ihre deutsche Herkunft. Bei
denen werde ich dann von einem zum anderen gereicht.
Dabei lernt man Land und Leute ganz anders kennen,
als wenn man Tourist wäre.
Australien ist großartig mit seinen Landschaften,
seiner Tier- und Pflanzenwelt. Die Australier
besuchen mich auch hier und sind begeistert von
La Palma. Das hatte ich zunächst gar nicht
erwartet und grübelte immer darüber,
wie ich sie beschäftigen könnte.
Ist es denen nicht zu eng hier?
Nun, ich versuche ihnen, etwas zu bieten.
Ich verpasse ihnen gewissermaßen einen Abenteuerurlaub
ganz besonderer Art.
Wohin reisen Sie noch?
Venezuela würde ich gern einmal besuchen.
Die Anden stellen eine großartige Landschaft
dar. Mir läuft ein bißchen die Zeit
davon mit meinen 76 Jahren. Außerdem komme
ich in unregelmäßigen Abständen
nach Deutschland.
Dort leben meine Kinder, Enkel, Urenkel, und da
gibt es immer wieder irgendwelche Familienfeste,
bei denen man mich dabeihaben möchte.
Und danach reut es sie nie, wieder nach
La Palma zu kommen?
Nein, überhaupt nicht. Hier bin ich zuhause
und das gern.
Aus La Palma Info Nr.
16 Sommer/Herbst 2000 |