| "Es ist keine Frage mehr, ob La Palma eines Tages zusammenbrechen wird - es hat bereits damit begonnen!"
Ein aufsehenerregender Bericht in der "Welt am Sonntag" im Februar dieses Jahres prophezeit einen baldigen Abriß der Inselwestseite und beunruhigt seither leichtgläubige Inselbewohner (und Immobilienmakler).
Irgendwann bricht auf La Palma mal wieder ein Vulkan aus. Das jedenfalls ist gesicherter Wissensstand der kanarischen Vulkanologen. Wann ein solches Ereignis stattfindet, entzieht sich allerdings der Kenntnis der Wissenschaftler.
Aber neuerdings droht der Insel eine andere Gefahr: Es gibt Leute, die behaupten, die Insel reiße entzwei.
Die Geologen und Kartographen unterscheiden auf La Palma drei Gebirgsmassive: Da ist im Norden die Caldera de Taburiente mit ihren begrenzenden Bergen. Von ihnen zweigt nach Süden hin eine linienförmige Bergkette ab.
Sie heißt bis zum Rastplatz El Pilar die Cumbre Nueva und ab da bis Fuencaliente die Cumbre Vieja.
Diese Bezeichnungen sagen nichts über die geologischen Beschaffenheiten aus, denn die Cumbre Nueva besteht aus älteren Formationen als die Cumbre Vieja. Alle sieben datierbaren Vulkanausbrüche der letzten 500 Jahre und viele aus vorhistorischen Zeiten fanden auf der Cumbre Vieja oder in ihrer Umgebung statt. Lediglich einige kleine "Fumarolen" im Aridane-Tal machten eine Ausnahme.
Die Cumbre Nueva ist bedeutend niedriger als die Cumbre Vieja. Das war jedoch nicht immer so. Aber ein großer Gebirgsrutsch in Richtung Westen halbierte sie und nahm ihr die ursprüngliche Gipfelhöhe.
Das Resultat dieser Naturkatastrophe ist das Aridane-Tal, das im Vergleich zu den sonstigen Inseloberflächen ziemlich eben ausgestaltet ist.
Ursache für den Gebirgsrutsch waren kilometertiefe Spalten, sie sich in Längsrichtung vom Scheitel der Cumbre Nueva nach unten ausgebildet hatten. Irgendwann verlor dann der Westteil der Gebirgskette den Halt zum Ostteil und brach ab. Wann das war, ist noch nicht geklärt; 100.000 Jahre mögen es her sein.
Ähnliches Unbill wird demnächst auch der Cumbre Vieja widerfahren. Das jedenfalls behauptet Professor McGuire von der Londoner Universität. In mehreren englischen und deutschen Zeitschriften und Zeitungen - beispielsweise in der Welt am Sonntag vom 14. Februar - wurde berichtet, daß La Palma am Auseinanderbrechen sei.
Zu dieser Einsicht kam der Professor durch umfangreiche Studien der Vulkaninsel Fogo des Kapverdischen Archipels. Dort gibt es praktisch immer Vulkanaktivität, und die Spaltenbildung und das stetige Abrutschen eines Teils der Insel wird laufend beobachtet und meßtechnisch nachgewiesen.
Solche Spalten existieren auch in der Cumbre Vieja, hat Professor McGuire erfahren. Deshalb hat er sich der geologischen und geographischen Zukunft La Palmas angenommen. Auf La Palma sei der Trend zum Auseinanderdriften der beiden Hälften der Cumbre Vieja schon sehr weit vorangeschritten, meint McGuire.
In der Tat rückten im Jahr 1949, als der Vulkan San Juan ausbrach, Teile der Cumbre Vieja bis zu vier Meter voneinander weg. Spalten taten sich auf, die teilweise noch heute an der Erdoberfläche sichtbar sind.
Danach ging es wesentlich ruhiger weiter: nur acht Millimeter pro Jahr. Die Spalten können durchaus schon vordem vorhanden gewesen sei, aber erst 1949 wurden sie bekannt und seitdem aufmerksam beobachtet.
Die Brisanz des Artikels bestand darin, daß der Eindruck erweckt wurde, "...der Kollaps der Westflanke könne praktisch jederzeit passieren". Und dazu zitierte man Professor McGuire: "Es ist keine Frage mehr, ob La Palma eines Tages zusammenbrechen wird (!) - es hat bereits damit begonnen".
Das konnten die regionalen Geographen und Vulkanologen der Universität La Laguna in Teneriffa nicht so stehen lassen. Sie kennen die Inselvulkane naturgemäß besser als alle anderen Wissenschaftler auf der Welt und widersprachen den alarmierenden Meldungen.
Der oberste kanarische Vulkanologe, Professor Juan Carlos Carraceda, korrigierte zudem in einem Fernsehinterview die Aussagen seines englischen Kollegen. Die Existenz der bedrohlichen Spalten in der Cumbre Vieja seien nicht wegzudiskutieren, gab er zu.
Aber er legte Wert auf die Feststellung, daß sie sich in den vergangenen vier Jahren um keinen einzigen Millimeter mehr verbreitert hätten. La Palma bleibe somit einige weitere tausend Jahre in der heutigen Form erhalten.
Die Artikel seien wissenschaftlich nicht begründbare Panikmache, zürnte Carraceda, und man sah ihm an, daß er noch Ärgeres gesagt hätte, wären da nicht die laufenden Kameras und eingeschalteten Mikrofone gewesen.
Aus: La Palma Info Nr. 14 Frühjahr/Sommer 1999 |