| Erneut werden Horrorszenarien über La Palma verbreitet
Vor zwei Jahren meinte der Forscher McGuire, La Palma in Angst und Schrecken versetzen zu müssen, indem er der Insel ein apokalyptisches Schicksal vorhersagte: sie werde auseinanderbrechen. Durch die ganze Cumbre Vieja zögen sich tiefe Spalten, welche diese Bergformation eines Tages zum teilweisen Abrutschen ins Meer bringen würden.
Das Besondere an der Notiz war, daß das Ereignis in unmittelbare zeitliche Nähe gerückt wurde La Palma sei ganz kurz vor dem geologischen Kollaps.
Der ist inzwischen noch nicht eingetreten. Man regte sich seinerzeit allerdings tüchtig auf, weniger wegen des drohenden Unheils, sondern mehr, weil die Nachricht aus England stammte, und den Engländern traut man hierzuinsel traditionell nur wenig Gutes zu.
Der beste Kenner der vulkanologischen Geologie der Kanarischen Inseln, Juan Carlos Carraceda, wurde zu der Notiz befragt und gab zu, daß die Insel eines Tages auseinanderbrechen könnte, aber das sei frühestens in ein paar tausend Jahren zu erwarten. Was die Meldung aus England bezwecken sollte, konnte er auch nicht sagen, aber sein Unmut über sie blieb niemandem verborgen.
In der ersten Oktoberwoche kochte die Gerüchteküche wieder in der selben Richtung. Die eigentlich gut beleumundete wissenschaftliche Zeitschrift "Journal of Volcanolgy and Geothermal Research" veröffentlichte die Forschungsergebnisse von englischen und schweizerischen Wissenschaftlern. Auch sie prophezeiten eine baldige Spaltung der Insel.
Aber anders als vor zwei Jahren wurde dieses Mal die gigantische Flutwelle in den Vordergrund geschoben, die der "Big Rutsch" im Atlantik auslösen würde. 650 Meter würde sie hoch sein und ein paar zig Kilometer breit. Mit über 900 Kilometern pro Stunde würde sie über den Atlantik wabern und bei ihrer Ankunft auf der anderen Seite, in Florida oder der Karibik etwa, immer noch 45 Meter hoch sein.
Damit eine solche Riesenwelle zustandekommt, bedarf es einer enormen Menge an ins Meer rutschenden Bergmassen, und auch die wurden in dem Artikel der wissenschaftlichen Zeitschrift aufgelistet: mit 500 Milliarden Tonnen an Erde und Gestein seien in einem solchen Katastrophenfall zu rechnen. In anderen Veröffentlichungen war sogar von 2 Billionen Tonnen die Rede.
Die deutsche BILD-Zeitung nahm sich des Themas ebenfalls an, in einem Artikel mit dem Angst einflößenden Titel: "Der Killer-Vulkan". Schon einmal habe der, nämlich 1949, anläßlich eines Ausbruchs dafür gesorgt, daß Fuencaliente evakuiert werden mußte. An das Jahr entsinnen sich viele Palmeros noch sehr gut, aber ansonsten erinnert man sich hier auch genau, daß nicht Fuencaliente evakuiert werden mußte, sondern Las Manchas.
Außerdem wurde in der Zeitung ein Schaubild veröffentlicht, dessen Zeichner sichtlich andere Vorstellungen von den geographischen Eigenheiten La Palmas hat, als sie in Wirklichkeit sind.
Indes wurde ausführlicher als vor zwei Jahren beschrieben, daß ein solches Ereignis von den anderen Kanarischen Inseln nicht viel übrig lassen würde. Abgesehen von der Flutwelle, die sich nicht nur in Richtung Florida ausbreiten, sondern auch die Nachbarinseln heimsuchen würde, könnte das den gewaltigen Bergrutsch begleitende Erdbeben alle Kanarische Inseln im Meer versinken lassen.
Vergangene Woche gab ein Professor für Geologie, Dr. Telesforo Bravo, in Los Llanos einen Vortrag über den geologischen Aufbau der Insel. Die Ausführungen waren sehr interessant und machten deutlich, daß Telesforo Bravo ein exzellenter Kenner der Materie ist. Aus aktuellem Anlaß dehnte er seinen Vortrag auf die alarmierenden Meldungen aus England aus. Dabei machte er deutlich, was bislang nie richtig erklärt worden war.
Die Häufung von solchen Horrornotizen führt er darauf zurück, daß weltweit unter den Geologen eine Art Fieber ausgebrochen ist mit dem Ziel herauszufinden, wo und wann es großvolumige Abrutsche von Bergformationen gegeben habe. Er, Telesforo Bravo, habe, bedauerlicherweise, wie er rückblickend meint, diesen Trend begonnen, als er vor fast 50 Jahren erstmals öffentlich feststellte, daß es in grauer geologischer Vorzeit solche Ereignisse auf El Hierro und Teneriffa gegeben habe.
Damals sei er wegen dieser, seinerzeit noch Theorien genannten Ausführungen von seiner Zunft ziemlich angefeindet worden. Aber inzwischen seien alle Abrutsche auf der Welt im Wesentlichen herausgefunden und gebührend beschrieben worden, so daß sich manche Geologen nun den Abrutschen zuwenden, die es einmal geben könnte.
Weiter erläuterte der Professor, daß die Cumbre Vieja mit ihrem zentralen Vulkanmassiv Nambroque einem soliden Basaltsockel aufsitze, der ein eventuelles Abrutschen sehr unwahrscheinlich mache.
Das Abkippen der Cumbre Nueva vor 100.000 Jahren oder so ähnlich hingegen konnte erfolgen, weil die sich über einem wasserundurchlässigen Untergrund befindet. Dadurch habe sich sozusagen ein Schmierseife-Effekt ergeben, der die Cumbre teilweise abrutschen ließ und bei der Gelegenheit das Aridane-Tal schuf.
Dabei handele es sich um Dinge, die gerade auf La Palma sehr gut erforscht worden seien, denn die Geologen kriechen durch alle Wassergalerien und untersuchen jeden Brunnen, um Informationen über den Untergrund der Insel zu erhalten.
Wenn die Cumbre Vieja eines Tages ins Meer rutschen sollte, so Telesforo Bravo weiter, wäre dazu ein gigantischer Vulkanausbruch notwendig, etwa im Stil des Krakatau vor über hundert Jahren.
Dieses Potential habe der Nambroque aber derzeit nicht. Wenn er das jemals erreichen wollte, bräuchte er dazu Tausende oder Zehntausende von Jahren und auch das nur unter der Voraussetzung, daß die Cumbre Nueva nicht ab und zu anläßlich gelegentlicher Vulkanausbrüche "Dampf ablasse", wie sie das in der Vergangenheit durchschnittlich alle 50 Jahre getan habe.
Wer also gemeint hatte, demnächst werde endlich etwas wirklich Aufregendes auf La Palma passieren, muß sich noch ein Weilchen gedulden.
Aus: Correo del Valle vom 20.10.2000 |