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ASTROPHYSIKALISCHES OBSERVATORIUM (IAC)
Astrophysik zwischen Vulkanen und Bananen
von Dr. Axel Fleischer

Jeder, der schon einmal die Hauptstraße LP-1 von Puntagorda nach Barlovento gefahren ist und seinen Blick Richtung Roque de los Muchachos wandern ließ, wird sich vielleicht über die vielen weißen Kuppeln in einer Höhe von fast 2400 m gewundert haben.
Es handelt sich um das „Observatorio del Roque de los Muchachos" (ORM), das zusammen mit dem „Observatorio del Teide" auf Teneriffa das „Instituto de Astrofísica de Canarias" (IAC) bilden, also das „Astrophysikalische Institut der Kanaren".

Was verbirgt sich nun aber hinter diesen geheimnisvollen Kuppeln auf dem Roque de los Muchachos und welche Rätsel der modernen Astrophysik werden hier gelöst?
         Diese und andere Fragen können nicht in einem einzigen Artikel beantwortet werden. Deshalb soll folgender Text den Anfang einer Serie bilden, welche die Astrophysik auf La Palma leicht verständlich machen will und die Leser auch ermutigen soll, den faszinierenden Nachthimmel über der Insel genauer zu betrachten, an dem sich bei klarem Wetter unsere Milchstraße als blass glänzendes Band zeigt.

Astrophysik ist der Zweig der Physik, der sich mit den Objekten des Universums beschäftigt, mit dem Ziel, aus der Strahlung dieser Objekte qualitative und quantitative Erkenntnisse zu gewinnen und zu interpretieren.
         Diese Strahlung ist z.B. sichtbares Licht, aber u.a. auch Strahlung im sogenannten infraroten Spektralbereich, die für unser Auge unsichtbar ist. Mit den Teleskopen des IAC wird die Strahlung gesammelt und dann mit geeigneten Instrumenten untersucht.

In diesem ersten Artikel möchte ich einen kurzen Überblick über das ORM geben, um dann auf den jüngsten Spross in der Familie der Teleskope einzugehen, das Gran Telescopio Canarias (GTC).

Im Moment sind 60 ca. Institute und Einrichtungen aus 19 Ländern an den Instrumenten auf dem Teide und dem Roque beteiligt.
         Zusammen bilden diese beiden Observatorien und das Hauptquartier in La Laguna (Teneriffa) das so- genannte „Europäische Nord Observatorium" (ENO).

Die exzellente Qualität der Luft über den Kanaren, die über ein spezielles Gesetz als natürliche Ressource geschützt ist, hat über 12 europäische Länder veranlasst, dem ENO beizutreten und Teleskope auf dem Roque bzw. dem Teide zu errichten.
         Außerdem bilden sich unterhalb dieser Gipfel oft Inversionsschichten, d.h. die bodennahe, feuchte Luft des Nord-Ost-Passats, die schlecht für Beobachtungen wäre, wird nach oben durch trockene Luft abgegrenzt, was zu hervorragenden Bedingungen für die Wissenschaftler führt.
         Seit 1985, dem Jahr der offiziellen Einweihung, sind so die folgenden Teleskope auf dem Roque gebaut worden:

1. Das William Herschel Teleskop; mit seinem im Durchmesser 4,2 m messenden Spiegel war es lange Zeit das größte Teleskop seiner Art;

2. das Isaac Newton Teleskop mit seinem primären Spiegel von über 2,5 m Durchmesser;

3. das Jacobus Kapteyn Teleskop, das mit seinem 1,0 m Spiegel ausschließlich für CCD Aufnahmen genutzt wird.

Diese drei Teleskope bilden die sogenannte „Isaac Newton Gruppe" von Teleskopen, die von Großbritannien und den Niederlanden finanziert wird.
         Ein Schwerpunkt der Forschung ist die Kosmologie, also die Lehre von der Entstehung des Universums. So wurde z.B. mit dem William Herschel Teleskop 1995 das bis dahin am weitesten entfernte Objekt gefunden, die Galaxie 8C1435+635, die die unvorstellbare Entfernung von 65*1022 km von der Erde hat (das ist eine Zahl mit 22 Nullen hinter der 65!); die Sonne ist von der Erde „nur" 15 *107 km entfernt.

Die einzigartigen klimatischen Bedingungen erlauben aber auch tagsüber Beobachtungen; so gibt es auch zwei Teleskope, die der Beobachtung der Sonne gewidmet sind: das Swedish Solar Telescope und das Dutch Open Telescope.

Daneben gibt es noch 6 weitere, kleinere Teleskope und auch Instrumente, die sich mit Experimenten zu hoch energetischer Strahlung beschäftigen; das ist sehr energiereiche Strahlung, die für das menschliche Auge unsichtbar ist.

Wenn man bei Hoya Grande von der Hauptstraße abbiegt und die ausgeschilderte Straße LP-115hinauffährt, wird man immer auch Bautätigkeit beobachten können. Auf der momentan größten Baustelle soll im Jahr 2004 das Gran Telescopio Canarias (GTC) eingeweiht werden.
         Mit dem GTC wird das größte und technologisch am weitesten fortgeschrittene Teleskop des beginnenden 21. Jahrhunderts gebaut. Sein primärer Spiegel besteht aus einem Mosaik von 38 sechseckigen Spiegeln mit jeweils 1,9 m Durchmesser, so dass insgesamt eine Fläche entsteht, die vergleichbar mit der Größe eines konventionellen Spiegels mit 10 m Durchmesser ist.
         Jeder der 38 Sechsecke kann computergesteuert seine Lage individuell verändern, um optimale Beobachtungsergebnisse zu erzielen. Diese sogenannte „Aktive Optik" des primären Spiegels wird in der Lage sein, Verzerrungen und Fehler, die durch Temperaturänderungen oder durch mechanische Spannungen im Material der Spiegel entstehen, auszugleichen.

Mit dem GTC werden neue Einsichten in die am weitesten entfernten und leuchtschwächsten Objekte im Universum möglich sein. Es wird z.B. neue Quasare entdecken - also Galaxien, die ein „Schwarzes Loch" im Zentrum haben und riesige Mengen an Energie abstrahlen - ,aber auch Protogalaxien, das sind Galaxien, die gerade erst entstanden oder im Entstehen begriffen sind.
         Außerdem wird das GTC auch ein wichtiges Hilfsmittel bei der Entdeckung von Planetensystemen von nahe gelegenen Sternen sein. Gibt es dort Bedingungen, wie sie um unsere Sonne herum existieren, so dass sich eine Form von Leben entwickeln kann?
         Das GTC wird also helfen, die Frage zu beantworten, ob wir allein im Universum sind.

Wenn der Besucher auf den Roque fährt, dann sollte er nicht einfach in die Gebäude stürmen, um seine Fragen los zu werden, sondern versuchen, diese mit Bedacht und gut überlegt zu stellen.
         Dies ist nur an den „Tagen der offenen Tür" möglich, die ca. 2x jährlich, meist im Sommer (Juli und August) stattfinden. Den Rest der Zeit verbringen die Astronomen lieber unter sich, wenn sie den Rätseln des Universums auf der Spur sind.

Aus: La Palma Info Nr. 20, Jahresausgabe 2003 - 2004

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