In
dieser Zeit formt sich die Idee, als Selbständige
in einer touristischen Zone mit Hotels und Apartments,
aber auch einheimischen Anwohnern, eine deutsche
Bäckerei mit Café zu eröffnen.
Diese führt sie mit Erfolg, aber auch unter
Entbehrungen, sieben Jahre lang. „Selbst
und ständig“ – den Sinn dieses
Spruches bekommt sie tagtäglich zu spüren.
Ihr soziales Leben spielt sich hauptsächlich
im Laden ab.
Doch es gibt auch ein Leben neben und nach der
„Backería“, so der Name des
Geschäftes, und so entschließt sie
sich 2005 mit einem weinenden und einem lachenden
Auge, es zu verkaufen, um ihr Leben wieder einmal,
wie so oft schon, neu zu erfinden und sich vor
allem ihrer ungestillten Leidenschaft, dem Schreiben,
zu widmen.
Während der ganzen Zeit bis heute verschickt
sie ihren „La-Palma-Express“, einen
Daseinsbericht an Verwandte, Freunde und Bekannte.
Nach dem Motto „Man nehme“ die La-Palma-Expresse,
Rückblicke hinter die Kuchentheke, Briefe,
Gedichte, Fotos und einzelne Rezepte der beliebtesten
Backwaren der Backeria, schlage, rühre, knete
und backe, was die Schüsseln hergeben; und
heraus kommt: „Absender: 3.Palme links,
Paradies“.
Die Autorin ...
… lebt seit über zehn Jahren auf La
Palma.
Sie stammt aus Berlin, wo sie zunächst als
Stenokontoristin und später als staatlich
anerkannte Erzieherin in heilpädagogischen
Heimen und Kindertagesstätten arbeitete.
Nach Abschluss der Allgemeinen Hochschulreife
auf dem zweiten Bildungsweg studierte sie Germanistik
und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften
und arbeitete als Regieassistentin, Script/Continuity
und Ton- und Lichttechnikerin bei verschiedenen
Theater-, Film- und Fernsehproduktionen. Sie schrieb
Drehbücher für Film und Fernsehen, Filmkritiken
und Gedichte.
Ingrid Trölsch hat eine Tochter und einen
Enkelsohn in Berlin.
Die Leseprobe
Vorwort
„Auf La Palma kann man ein kleines Vermögen
machen – wenn man mit einem großen
kommt“...
... sagt man sich unter palmerischen Residenten,
wovon die größte Fraktion von den „Alemanes“,
den hier fest lebenden Deutschen gestellt wird.
Zehn Prozent von den rund 80.000 Einwohnern sind
Einwanderer aus Europa. Politisch gesehen, ja,
gehören wir auch dazu, doch das Inselleben
folgt seinen eigenen Gesetzen, die von der fremdartigen
Mentalität, entscheidend geprägt durch
mittel- und südamerikanische und auch afrikanische
Einflüsse, bestimmt sind. Und die Entfernung
von der Afrika am nächsten gelegenen Kanarischen
Insel Fuerteventura nach Marokko ist nur ein Katzensprung.
Will man dagegen zum spanischen Mutterland, ist
man mit der Fähre drei Tage unterwegs. Flamenco
und Mantilla sind hier eher exotische Elemente;
Salsa, Merengue und die Cumbia werden dagegen
auf jeder Fiesta mit der typischen palmerischen
Begeisterung getanzt.
Überhaupt: Mit Ausnahme der Fußballclubs
hat der Palmero mit dem „godo“ (Goten),
dem Festlandspanier, nicht viel am Hut. Der rangiert
in der Beliebtheitsskala noch hinter dem „guiri“,
dem Ausländer. Deshalb werden Mitbürgern
von der „Peninsula“, dem spanischen
Festland, die sich auf La Palma zum Leben und
Arbeiten niederlassen wollen, bei ihren Vorhaben
mitunter sogar größere Knüppel
zwischen die Beine geworfen als beispielsweise
mir als Ausländerin. Das erfuhr ich aber
erst viel später ...
In den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts
entdeckten die ersten Deutschen die Insel. Einige
wenige zu Reisezwecken, andere – ganz Conquistadoren-like
– rissen sich „für´n Appel
und´n Ei“ Land mit alten Bauernhäusern
(= fincas) unter den Nagel, renovierten billig,
um das ganze dann mit enormen Gewinnen an sonnenhungrige
Urlauber und Aussteiger zu verschachern.
Auf diese „Zwischenhändler“ traf
der Eingangssatz eher im umgekehrten Sinn zu.
Doch alle waren glücklich, denn nicht nur
der ehemalige Landbesitzer machte bei der Transaktion
einen guten Schnitt, auch die an deutsche Preise
gewöhnten Käufer erhaschten damals so
manches Schnäppchen. La Palma im Pionier-
und Go(e)ldrausch.
Doch diese Zeiten sind Vergangenheit, und einige
von den Geldschürfern, denen ich schon in
den frühen Achtzigern hier begegnet bin,
sind trotz ihrer monetären Gewinne auf Dauer
nicht glücklich geworden. Und das liegt oft
an der mangelnden Akzeptanz von Andersartigkeit
und der Glorifizierung der eigenen Lebensweise.
Europäer, die hier einsteigen, sind als Grenzgänger
zwischen den Kulturen unterwegs. Leben und Arbeiten
auf La Palma heißt wie überall auf
der Welt „Alltag“ – aber palmerischer
Alltag. Wer damit nicht klar kommt, auch weil
er meint, in paradiesischer Umgebung ginge alles
mehr oder weniger von allein – und das sind
einige - macht bald wieder die „große
Fliege“, um etliche Enttäuschungen
reicher und viele Moneten ärmer, die er blauäugig
schon investiert hatte.
Doch auch hier gilt: Ohne Fleiß kein Preis.
Denn sogar im Paradies werden die Kartoffeln mit
Wasser gekocht und kleine Brötchen gebacken,
wie wir noch erfahren werden. Doch birgt es auch
schier unerschöpfliche Möglichkeiten
der Persönlichkeitsentwicklung – in
jede nur denkbare Richtung. Wer bleibt, kommt
auf Dauer nicht an sich vorbei. Und das ist „muy,
muy duro“ (sehr hart). Auch ich hatte und
habe immer noch so manches Mal daran zu knabbern.
Im Paradies
Willst Du Gelassenheit erlernen
Musst Du nach La Palma gehen
Unter hunderttausend Sternen
Auf diesem Eiland wunderschön
Ticken die Uhren so ganz anders
Hier ist alles ganz besonders
Nur nicht so, wie Du es willst.
Die Freunde sagen, Du hast ein Leben
Immer nur Palmen, Sonne, Meer und Strand
Da könnte ich glatt vor Neid erbeben
Und siesta machen – stundenlang
Du machst doch Urlaub ohne Ende
Bist doch auf Erden schon im Paradies
Doch glaubt es mir, es gibt Momente
Da ist das Leben nicht so süß
Denn die Uhrenticken anders
Hier ist alles ganz besonders
Nur nicht so wie Du es willst.
Fortsetzung folgt weiter hinten ...
Als ich 1997 von Berlin auf die Insel zog, war
sie der Welt da draußen schon etwas näher
gerückt. Es gab Direktflüge und Tourismus
aus Europa. Der Fortschritt mit Internet und Satellitenfernsehen
hielt seinen Einzug, das Straßennetz wurde
überholt und weiter ausgebaut, aber auch
die Preise zogen an.
Und seit Einführung der neuen Währung
fühlen auch „wir“ Palmeros uns
vom Untier „Teuro“ mit Haut und Haaren
verschlungen.
Was veranlasst nun eine allein stehende Frau
in den Vierzigern, ihr Ränzlein zu schnüren
und zu neuen Ufern aufzubrechen?
Nähere Details erfahren wir auf den nächsten
167 Seiten. Aber vor allem ist es mein unruhiger
Geist, der mich in meinem Leben immer wieder zu
neuen Erfahrungen und Experimenten getrieben hat.
Und da ich mich im Oktober anno 80 sofort –
nicht gleich in den ersten Sekunden, aber in den
ersten Stunden - in dieses Eiland verliebte und
von da an La Palma immer ein wichtiger Teil in
meinem Leben war und ich sowieso die zehnmonatige
Winterzeit in Deutschland soooo satt hatte ...
was lag da näher als ein kleiner Umzug in
wärmere Gefilde?
Also schulterte ich denn meinen Sparstrumpf, weil
ein Vermögen mir bisher in meinem Leben versagt
geblieben war, und machte mich frohgemut und voller
Tatendrang auf den Weg.
Bitte mir zu folgen ...
1.Kapitel
"... der letzte Vorhang hinter insgesamt
eintausendvierhundertundeinundzwanzig Vorstellungen
des Stückes "Backería" ist
gefallen, der allerletzte Applaus verklingt allmählich
in den hintersten Reihen des "Theaters"
und die Protagonistin bedankt sich mit einer tiefen
Verbeugung für die Treue ihres geschätzten
Publikums ..."
Ich hatte eine Backería westlich von Afrika
...
Man nehme:
Zu gleichen Teilen:
- eine gehörige Portion Tollkühnheit,
Abenteuerlust
Pioniergeist
- kiloweise Naivität und Blauäugigkeit
- eine Messerspitze Know-how und
tonnenweise Selbstvertrauen
Dieses Rezept verrate ich aber nur denjenigen,
die sich wie ich kopfüber in das Unternehmen
„Selbständigkeit im Ausland“
stürzen wollen. Unsicheren Gemütern
sei hiermit – wirklich wohlwollend –
von diesen Berg- und Talfahrten der Gefühle,
Leidenschaft und unbändiger Freude, tiefster
Depression und Hilflosigkeit gegenüber der
einheimischen Mentalität, aber auch Zufriedenheit
und stilles Frohlocken über das Gelingen
der zur Realität gewordenen Idee.
Denn letzten Endes wendet sich das Allermeiste
zum Guten des hibbeligen und dem Perfektionismus
huldigenden Deutschen. Denn was einem einerseits
so manches Mal die Haare zu Berge stehen lässt
vor schierer Ungeduld, hat für mich im Laufe
meines Daseins auf der Insel einen unwiderstehlichen
Charme bekommen.
- "No pasa nada – es passiert nichts",
ist ein geflügeltes Wort der Palmeros, das
ausdrücken soll, dass alles gut wird und
hier niemandem der Kopf abgerissen wird, wenn
er mal einen Fehler macht. Es gibt viele Beispiele
dafür, wie auf La Palma Toleranz gelebt wird.
Und so manches Mal, wenn mich wieder einmal die
totale Verzweiflung überkommen wollte, regelten
sich die Dinge auf wundersame Weise quasi von
selbst. Abwarten, tief Luft holen und sich erst
mal einen Cortado gönnen, heißt für
mich die Zauberformel.
Also? Noch Lust oder welche bekommen??? Dann
kann ich nur Gelassenheit pur, sozusagen die personifizierte
Gleichmütigkeit gegenüber allen orkanartigen
Stürmen wünschen, die zukünftig
auf Euch zukommen werden. - Ja ja, wenn man immer
schon vorher genau wüsste, was das Leben
noch so zu bieten hat.
Ich hoffe, mit diesen Eingangszeilen für
viele das Schlimmste abgewendet zu haben. Diese
können sich nun lässig in ihrem Sessel
zurücklehnen, in dem Bewusstsein, solche
Verrücktheiten doch lieber anderen zu überlassen.
Denen kann ich nur zu dieser äußerst
vernünftigen Entscheidung von Herzen gratulieren.
Jene müssen jetzt auch nicht weiterlesen,
es sei denn, sie wollten trotzdem aus der sicheren
Sofa-Perspektive im Geiste dem Abenteuer folgen
...
Heute habe ich das alles hinter mir. Heute lehne
ich mich genau wie Ihr bequem zurück und
wende mich nunmehr meinem kleinen Refugium zu,
um es nach sieben Jahren der Entbehrungen in meiner
Bäckerei mit Café so aus vollem Herzen
zu genießen. Die Freiheit, morgens aufzustehen,
wann ich es will, zu tun, wonach mir gerade der
Sinn steht oder auch, es zu lassen, und nur in
die Gegend zu gucken.
Und davon gibt es hier eine ganze Menge, soviel
Gegend, in die es sich zu schauen lohnt, die ich
streckenweise am Morgen nur im Dunklen verlassen
habe, um sie am Abend in dem gleichen Tageszustand
wieder zu betreten. Und am freien Tag wurde dann
das Gröbste zu Hause gerichtet, Papierchen
sortiert und für den Steuerberater säuberlich
geordnet: alquiler, teléfono, compras etc.
– der gute Mann wollte ja schließlich
auch vom Kuchen was haben.
Natürlich nur das, was man ohne großen
körperlichen Einsatz vom Bürosessel
aus regeln kann. Die Hetzerei von früh bis
spät, die 16-Stunden-Tage waren dann eher
mein Part des grausamen Spiels.
Aber ich greife vor, möchte nicht auch dem
letzten, der noch bis zu diesem Punkt meiner Schilderung
des überwältigenden Lebens einer „Aussteigerin“
durchgehalten hat, das bisschen verbliebenen Enthusiasmus
rauben, den er dringend benötigt, um selbst
den Schritt ins ausländische Leben und Arbeiten
zu wagen und sich damit um eine schier unerschöpfliche
und mit nichts zu vergleichende Lebenserfahrung
zu bereichern.
Und dazu noch ein Tipp: Eine immer wiederkehrende
Frage meiner Kunden war, wie ich eigentlich den
Mut zu dem Wagnis aufgebracht hätte: Ich
habe irgendwann aufgehört zu überlegen,
mir das Hirn zu zermartern, hin- und herzurechnen,
mir schlaflose Nächte zu bereiten, und einfach
angefangen, die Ärmel hochzukrempeln und
zu machen.
Also: Glückauf und "Bangemachen güldet
nich", wie wir Berliner sagen.
Backstage Backería - ein Blick
hinter die Kuchentheke
Bocadillo – der palmerische Mega-Wopper
Auch in einem Etablissement wie dem meinen, einer
deutschen Bäckerei mit Café, durfte
die bei den Spaniern vom normalen Tagesablauf
nicht wegzudenkende, Maulsperre (laut Lexikon:
boca = Mund oder Tiermaul) verursachende Spezialität
nicht fehlen. Speziell sind sie schon, denn mit
deutschen belegten Brötchen nicht im Mindesten
zu vergleichen.
Ein überdimensionales, fast schon als kleines
Weißbrot geratenes "pan" wird
nicht nur mit Schinken, Käse, Salami oder
dergleichen normalen Belegbarkeiten bestückt,
sondern auch gegrilltes Fleisch oder ein Stück
"tortilla española" zwischen
Ober- und Unterteil geklemmt. Das ganze noch "con
vegetal", nämlich mit Salatblatt, Tomate,
Gurke und Zwiebeln getopt, kann sich dimensional
mit jedem Mega-Wopper messen.
Zum Verzehr dieses Monstrums muss man dann, will
man es tatsächlich auch seiner Bestimmung
zuführen, mindestens vier Hände zum
Einsatz bringen. Zwei eigene, um das Biest einigermaßen
bis zum weit aufgerissenen Mund (die Bezeichnung
"Maul" wäre in dem Zusammenhang
realistischer) zu bändigen, eine vom Nachbar,
der sich als Nachstopfer angeboten hat, und eine
weitere, die mit einer Serviette die vom Kinn
reichlich tropfende Mayonnaise auffängt,
die ein unbedingtes "Muss" in der Bocadillo-Spazialitätenküche
ist.
Ohne diese Unterstützung sollte man lieber
auf die Bestellung eines Bocadillos verzichten,
denn ich kenne Leute, die sich anschließend
eine neue Hose kaufen mussten, weil die chemische
Reinigung sich außer Stande gesehen hat,
die Mayoflecken zu entfernen. Dafür hätten
sie ebenso gut in jedes teure Gourmet-Restaurant
gehen können, wo man ganz ohne großen
Kraftaufwand zivilisiert mit Messer und Gabel
speist.
Meine nach deutschen Maßstäben hergestellten
Weiß- oder Vollkornbrötchen waren für
abenteuerlustige Esser eher etwas langweilig und
ohne große Gefahren für die eigene
und die nachbarliche Kleidung zu bewältigen.
Außer im Sommer, wenn die peninsularen Touristen
die Insel für ihre urlaubsmäßigen
Bedürfnisse zurückerobern. Dann gab
es auch bei mir tortilla-española-bocadillos.
Der Serviettenverbrauch stieg dann immer um das
Drei- bis Vierfache, das Besteck wurde manches
Mal knapp, denn der Spanier rückt dem "gigante"
auch schon mal mit Messer und Gabel zu Leibe,
was oft nicht ohne Folgen für die Nachbartische
bleibt, und Mayo und Ketchup wurde gleich kübelweise
von mir geordert.
Doch, was soll's, die Hauptsache für eine
Gastgeberin ist doch, die Gäste sind glücklich
und zeigen dies am allerbesten, indem sie am nächsten
Tag wieder ein ungeordnetes krümel- und mayomässiges
Schlachtfeld hinterlassen. Im Sommer sieht frau
wenigstens, dass wer da gewesen ist, weithin sichtbar
für die Zauderer, die sich vielleicht noch
nicht getraut hatten, die "Extranjera"
(Ausländerin) in ihrer deutschen Bäckerei
zu besuchen.
Wie diszipliniert und ordentlich sind dagegen
die Deutschen, die oft fast gar keine Spuren hinterlassen,
sondern die Tische abräumen und auch noch
abwischen. Sogar das Angebot abzuwaschen wurde
mir gemacht. Aber das war mir dann doch echt ein
klein bisschen peinlich. Obwohl, wenn ich heute
so darüber nachdenke ...
Wenn Sie möchten, dann können Sie hier
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